Einerlei, zweierlei, Geierlay

Letztes Jahr habe ich noch gewitzelt, dass das Wetter kaputt ist und es nicht mehr schwül sein kann… Pustekuchen!
Heute ist hier echtes Suppenküchen-Wetter. Jetzt, um 18 Uhr, sind es noch 27 Grad, und ich sitze auf unserem Balkon. Die feuchte Luft verschafft sich in Form von nebligem Dunst über den Weinbergen ein Gesicht. Hinter mir liegt ein schwitziges Nachmittagsschläfchen, außerdem haben wir vor einer halben Stunde jeder eine Portion Pellkartoffeln mit Heringsstipp vertilgt.
Das mit der Ruhe ist auch an der Mosel nur relativ. Es mag daran liegen, dass heute weder Feiertag, noch Wochenende ist – den ganzen Tag tuckern irgendwelche Traktoren und Maschinen zwischen den Weinbergen hin und her, gefolgt von Motorradfahrern, welche die schwungvollen Serpentinen als Rennpiste verstehen. Ich kann inzwischen jeden Moselaner verstehen, der von mororisierten Zweirädern genervt ist. (Wenn sie denn überhaupt genervt sind. Ich bin es jedenfalls!) Wir haben in den letzten 2 Tagen inzwischen mindestens fünf waghalsige – wenn nicht sogar lebensmüde – Überholmanöver (üb-)erlebt.
Apropos waghalsig. Der Heavy und sein Hund haben sich heute über die Hängeseilbrücke an der Geierlay-Schleife gewagt. Ich auch, allerdings habe ich ungefähr nach der Hälfte beschlossen, dass mir nicht noch übler werden muss, bis ich begreife, dass das nix für mich ist…

360 Meter lang, 100 Meter über dem Grund: Hängeseilbrücke Geierlay

Toller Ausblick – aber nichts für Angsthasen

Lilly hat zwar länger durchgehalten als ich – allerdings hat sie ungefähr auf 2/3 der Strecke auch gestreikt und sich einfach auf den Brückenboden gelegt. An der tiefsten Stelle schwankt die Brücke wie ein Kuhschwanz. Und mit Wackeln hat es die Madame nicht so. Dass die Holzplanken längs verlaufen, haben die Erbauer geschickt geplant. Auf diese Weise kann man tatsächlich ganz gut seinen Blick nach vorn richten bzw. wird nicht unweigerlich gezwungen, vor sich in die Tiefe zu schauen, wie es der Fall wäre, wenn das Holz quer verplankt wäre. Der Ausblick über die Senke ist fantastisch, allerdings mit Höhenangst auch ziemlich abenteuerlich…

Hier sieht man die Höhen- und Längenverhältnisse noch besser

Um den Höhenthrill zu erleben, hatten wir uns tatsächlich die Wecker auf 7.00 Uhr gestellt. Und wir schafften es sogar, die Wohnung zu verlassen, ohne uns gegenseitig an die Gurgel zu gehen oder irgendwas Wichtiges zu vergessen. Den ersten Versuch mit der Brücke hatten wir sogar schon gestern unternommen und dann kurzerhand auf heute verschoben… Die Geierlay scheint ein beliebtes Ausflugsziel an Vatertag zu sein: Schon bei der Parkplatzsuche in Mörsdorf hätten wir hellhörig werden sollen. Parkplatz 1 war brechend voll. Von dort aus sollten es ca. 1,8 km Fußmarsch bis zur Brücke sein. Die Parkplätze 2 bis 4 waren noch weiter weg, sodass wir uns irgendwo halb legal an den Straßenrand stellten und darauf zählten, dass das Mörsdorfer Ordnungsamt am Feiertag zu Corona-Zeiten Wichtigeres zu tun hat als Autos abzuschleppen. In der prallen Sonne marschierten wir gegen 14.30 Uhr den Feldweg in Richtung Abenteuer, und je weiter wir vom Dorf weg liefen, desto größer wurden die Menschenschlangen, die wir schon aus der Ferne erkennen konnten. Ich war schlagartig genervt, und ob der Weltlage auch ein bisschen fassungslos. Es ist erst ein paar Tage her, dass die Brücke seit Corona überhaupt wieder betreten werden darf, noch dazu nicht ohne strenge Regelungen: Vorn Mörsdorf aus darf man nur zu den ungeraden Stunden rüber – wer aus Sosberg in Richtung Mörsdorf läuft, nur zu den geraden Stunden. Der Hund hechelte, mein Gehirn brutzelte. Es reichte so gerade noch aus, eine weise Entscheidung zu treffen: Wir kehrten um. Mit den Menschenmassen vor uns waren diese Regeln garantiert nicht einzuhalten, geschweige denn der gebotene Mindestabstand…
Ich habe mich in den letzten Wochen ja nicht umsonst mit dem Ein oder Anderen angelegt – wir nehmen den Virus sehr ernst und tun eher mehr als das Minimum, das von uns allen erwartet wird.

…Rückweg durch den Wald

Rückweg durch den schattigen Wald

Unsere Uhrzeit heute Morgen war also goldrichtig. Gegen kurz nach acht kamen wir in Mörsdorf an, auch da war der Parkplatz schon einigermaßen gefüllt – aber kein Vergleich zu gestern. Und die lange Strecke übers Feld ohne Schatten war bei 15°C auch für Mensch und Hund gut zu bewältigen. Wer plant, die Brücke zu besuchen und dabei den Ausblick ein bisschen für sich haben möchte, sollte sich unbedingt vormittags auf den Weg machen. Wer nicht durch die pralle Sonne laufen möchte, achtet auf die Beschilderung und nimmt den Wanderweg. Dieser ist kaum länger, dafür im Schatten deutlich angenehmer zu laufen als die Strecke übers Feld.
Zurück ging es auch für uns über den wunderschönen Wanderweg durch den Wald. Hier findet ihr unsere Laufstrecke. (Zur Brücke hin von Mörsdorf aus also einfach andersrum laufen.) Insgesamt sind wir etwas über 3,5 km gelaufen – für Heavy und mich in den Morgenstunden echter Frühsport!

Nach dem Sport kommt die Erholung: Auf dem Rückweg machen wir Halt in Beilstein. Es gibt Kaffee und Kuchen für mich, für den Heavy ein Weizen mit Zitrone – Lilly gibt sich mit Hühnerherzen und Wasser zufrieden. Wir genießen den traumhaften Blick auf die Moselfähre.

Mosel-Fähre in Beilstein

Der gestrige Tag war übrigens nicht umsonst, auch wenn die Tour nach Mörsdorf zur Geierlayschleife verzichtbar gewesen wäre. Auf dem Weg zurück zur Ferienwohnung bogen wir in einen schattigen Waldweg bei Bruttig-Fankel ein und marschierten einfach drauflos. Das Panorama, die Farben waren einfach fantastisch. Per Zufall fanden wir dabei ein Wald-Klassenzimmer. Lilly hatte ihre helle Freude…