Individualdistanz

Als ich nach dem Aufstehen in den Spiegel schaue, habe ich eine diagonale Schlaf-Falte, mitten im Gesicht. Ich zwinge mich, nicht darüber nachzudenken, ob dies der Anfang vom Ende sein könnte, und stolpere mit dem ersten Kaffee schlaftrunken auf den Balkon.
Etwa 24 Stunden und einige Erkenntnisse später als gestern Abend erlaube ich mir ab jetzt ausdrücklich, Tacheles zu schreiben: Im bin umgeben von einer Ausgeburt an Spießigkeit! Dieser Verdacht erhärtete sich schon im Laufe des Tages gestern – heute Morgen hat er sich endgültig bestätigt.
 

Alles muss seine Ordnung haben

Zwiebelmuster – der Verdacht erhärtet sich

Hier laufen 3 (in Worten DREI) Rasensprenger, quer über den Garten verteilt, und eine Teichpumpe, die auf eine sehr alberne Weise einen Springbrunnen imitiert, durch eine Zeitschaltuhr abwechselnd getaktet, den ganzen Tag durch. Den Start heute Morgen habe ich verschlafen – als Wecker eignet sich das Schauspiel also nicht wirklich. Das mag aber auch daran liegen, dass mein Schlafzimmerfenster auf der anderen Seite des Hauses liegt. Gestern Abend um Punkt 21 Uhr hörten die Pump- und Spritzgeräusche auf, wobei die Spritzgeräusche stakkatoartig abebbten, die Teichpumpe eher mit einen Fade-Out endete.
In der Vermieterwohnung unter mir werden die Türen geknallt und mit Geschirr geklirrt. Die Wohnung ist extrem hellhörig. Er selbst schlendert selbstzufrieden durch den Garten und begutachtet sein Prachtwerk, das Geklimper unter mir scheint also seine Frau zu sein. So halbwach habe ich auch erstmal nichts Besseres zu tun als mir das Grundstück von oben anzusehen und dabei dem Gepolter zu lauschen. Die Anordnung von Pflanzen und Beeten ist auf jene Weise asymmetrisch, wie sie nur jemand planen kann, der ansonsten ziemlich neurotisch unterwegs ist. Meine Oma hätte diese Art Garten-Expressionismus als „neckisch“ bezeichnet. Die Wiese ist so gleichmäßig gemäht, dass sie aussieht wie frischer Rollrasen aus dem Baumarkt, nur ohne Schnittkanten. (Dafür sieht man die parallel verlaufenden Rasenmäher-Spuren. Und man sieht, dass der Gartenbesitzer sich selbst ein Ei gelegt hat: Mitten auf dem Rasen – auch sehr „neckisch“ – findet sich ein langes, rechteckiges Beet. Das Beet ist schuld, dass der Mensch mit dem Rasenmäher sich offenbar nicht entscheiden konnte, wie er die parallelen Mähspuren fortsetzen sollte. Ums Beet herum verlaufen sie nämlich kreuz und quer. Das wiederum liegt daran, dass das Beet nicht gerade aufgesetzt wurde, sondern so ähnlich wie diagonal. Aber eben nur so ähnlich, was wiederum auch sehr neckisch aussieht. Die Bepflanzung des Beetes setzt der Absurdität noch die Krone auf: Im Abstand von 1,67 Metern wurden 4 pubertäre Kugel-Ahörner [wie ist der Plural von „Kugel-Ahorn“?] gesetzt. Wenn sie einmal groß sind, werden ihre Baumkronen sich gerade so berühren. Was für eine Harmonie, vor allem im Zusammenhang mit der angedeuteten Nicht-Diagonale.)

Mein Tanzabstand, dein Tanzabstand…

Ich stelle fest, dass ich mich maximal beobachtet fühle. Obwohl mich faktisch niemand beachtet. Das gestrige Erlebnis hat mich traumatisiert. Als ich hier friedlich mit Kerze und Decke in Jogginghose den Abendhimmel genoss, polterte es hinter mir plötzlich an der Tür, was wohl so eine Art Klopfen sein sollte. Diese wurde dann auch noch gleichzeitig aufgerissen. Der Vermieter stand hinter mir und wedelte mit einem Zettel über meinem Kopf herum. Mir war nicht klar, dass er ohne Schlüssel Zugang zu „meiner“ Wohnung hatte. Ich bin mit Respekt vor meiner Privatsphäre aufgewachsen, und selbst der Heavy ist feinfühliger. Deshalb hat mich die Situation völlig überfordert. Der Vermieter war nicht unfreundlich – er wollte nur die Rechnung vorbei bringen und sein Geld abholen. Das erforderte allerdings, dass ich in die Küche lief, an ihm vorbei, durch den engen Flur. Von Mindestabstand und Corona schien er noch nichts gehört zu haben, denn er reagierte überhaupt nicht darauf, dass ich zurückwich und ihm mit der Hand auf Abstand halten wollte. Im Gegenteil, er laberte mich voll, wollte wissen, ob alles in Ordnung ist und ich „alles“ gefunden hätte. Ich war extrem angepisst und hatte alle Mühe, das höflich zu verbergen. Ich hab nach überhaupt gar nichts gesucht, weil ich einfach nur vor mich hin sein möchte. Nicht mehr und nicht weniger. Und alles, was ich dringend brauche, habe ich eh dabei. Zum Beispiel meine eigene Bettdecke und Handtücher. Den Mut, ihm zu sagen, dass ich gerne meine Ruhe hätte, brachte ich nicht auf. Das wäre in der Situation (Miete bezahlen) wohl ein falsches Signal gewesen. Eigentlich war sein Interesse an meinem Wohlbefinden ja auch sehr gastfreundlich. Ich mag nur nicht überrumpelt werden. Ich drückte ihm also das Geld in die Hand und wünschte ihm demonstrativ einen schönen Abend. Das wirkte. Hoffentlich nicht zu unfreundlich. Aber irgendwie muss das ja mal funktionieren mit dem Grenzensetzen.
Kaum war er raus, ging unten das Gepolter und Türgeknalle wieder los. Und mir fiel auf, dass im Bücherregal eine limitierte VHS-Box von „Dirty Dancing“ stand. Auf Holländisch, direkt neben „Titanic“, „Assepoester“ (Aschenputtel) und „Heidi und Gritli“ (auf Deutsch). Prima, so weiß ich, was ich heute tun kann, wenn mir langweilig werden sollte…

Flucht ins Grüne

Das Geschirr ist fast so hübsch wie mein „eigenes“

Das Gefühl, beobachtet zu werden, und auch das Gepolter, dauern auch heute den ganzen Tag an, sodass ich mich nach dem Frühstück bei bestem Wetter mit Laptop und Musik in die Wohnküche verkrieche. Die gemeinsame Tür ist hinter mir, im Flur. Zwischen zwei Titeln höre ich jedes Wort und jede Befindlichkeit von unten. Die „ruhige Ferienwohnung am Waldsee“ ist deutlich belebter als sie verspricht. Als ich diesem Gedanken nachhänge, poltert (=klopft) es wie auf Abruf wieder an der Tür. Wenigstens bin ich diesmal vollständig angezogen und gestriegelt. Es wird sogar mein „Ja“ abgewartet. Diesmal ist es Frau Vermieterin. Sie bleibt im Flur stehen und hält einen Teller mit Kuchen und zwei Obst-Käse-Spießen in meine Richtung: „Mein Mann hat heute Geburtstag.“ Na sowas! Schlagartig wird mir klar, warum er mich gestern so seltsam angesehen hatte, als ich ihm bei der Ankunft sagte, dass ich mich nach harten Wochen ein paar Tage ausruhen möchte. Das war keine Verwunderung! Er hat Besuch eingeladen. Und er wusste im Moment unseres Gesprächs, dass Ausruhen eben nicht ist. Der Arsch!
Nachdem ich um 15 Uhr meinen niederländischen Wortschatz von 1987 mindestens wieder aufgefrischt habe, ergreife ich die Flucht und fahre ohne Ziel übers platte Land, an Wiesen und Feldern vorbei.
Pommes oder Nicht-Pommes, das ist die Frage. Wo ich schon mal da bin… Mein Bedarf an unfreiwilligen Sozialkontakten ist mehr als gedeckt. Also entscheide ich mich gegen Pommes und in Ermangelung eines angemessenen Küchenutensils stattdessen für Klumpen-Bolognese. Für den Fall, dass ich diese Wohnung noch einmal anmieten sollte, notiere ich

  • Pfannenwender (Kochlöffel benutzt, bei Hackfleischklumpen belassen)
  • Spülmittel (Handseife benutzt)
  • scharfe Küchenmesser (Zwiebelbrocken gehackt, Knoblauch am Stück ins Essen)
  • Schneidbrett (Teller benutzt)
  • Zucker (drauf verzichtet, weil braune Knubbel drin)
  • Ohrstöpsel (…)

Nur für den Fall, dass mich dann nochmal jemand fragt, ob ich „alles“ gefunden habe.
Inzwischen ist hier Ruhe, außer dem Rasensprenger im Off-Beat höre ich nichts mehr. Vielleicht sind die beiden Partymäuse unten erschöpft auf der Couch eingeschlafen.