Des Pudels Kern ist Ansichtssache!

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Flokati-Lilly im Temporausch

Ich hatte gedacht, dass ich mein Randgruppendasein als Bald-Vierzigerin durch meine fehlende Mutterschaft schon bis an die Obergrenze ausgereizt habe. Aber weit gefehlt. Der Heavy und ich haben jetzt einen Hund. Die Lilly nämlich, eine Labradoodle-Hündin aus Spanien, vermittelt über einen Tierschutzverein. Tja, wie das so ist mit neuen Lebensumständen, ändern sich plötzlich die Gewohnheiten. Was ich anfangs nicht gedacht hätte: Wir (und damit meine ich: WIR) marschieren tatsächlich regelmäßig auf den Hundeplatz und geben unser Bestes in Sachen Konsequenz. Und Lilly entwickelt sich zum Dank prächtig.

Wer auf den Hund kommt, kommt wohl oder übel auch „auf“ andere Hundebesitzer. Das ist grundsätzlich nichts Schlechtes, denn den Austausch im Verein, in dem wir die Hundeschule besuchen, möchte ich nicht missen. Weil dieser grundsätzlich mit Respekt und auf Augenhöhe passiert. Das ist auf freier Wildbahn, z.B. beim Gassigehen oder beim Tierarzt im Wartezimmer leider nicht so. Was Mütter sich häufig anhören müssen, etwa, ob sie ihre Kinder zu streng erziehen oder zu wenig Grenzen aufzeigen, gilt analog für das Leben mit Hund. Was ich mir schon alles anhören durfte, geht auf keine Kuhhaut. Am liebsten sind mir Kommentare, die in Richtung Tierquälerei gehen, wenn ich mit Lilly übe, an der Leine nicht vor Freude auszurasten, weil uns ein anderer Vierbeiner – möglichst abgeleint – entgegen kommt. Ist er (immerhin) ebenfalls angeleint, kann ich darauf wetten, dass mir weinerlich erklärt wird, dass sie ja „wenigstens ‚Guten Tag‘ sagen“ sollten. Das sei ja nun das Mindeste. Komisch. Mich grüßt kaum jemand zurück, seit ich in Neuss wohne, wenn ich, gewohnt aus alten Zeiten auf dem Land, jeden Spaziergänger im Wald oder auf dem Feld grüße. (Mit 14 war ich tatsächlich einmal Gesprächsthema, weil ich als pubertierende Zugezogene noch nicht verinnerlicht hatte, auch Unbekannten höflich die Tageszeit zu sagen. Der Dorffunk hatte es bis zum Pfarrer weitergetragen, der natürlich nichts Besseres zu tun hatte, als mich im Konfirmandenunterricht dafür zu rügen. Das hat sich eingebrannt. Deshalb: Lieber einmal zu viel grüßen. Doppelt hält besser, oder so.)

Sitz!

Sitz!

Nun. Jetzt also der Hund. Ich habe nicht den Eindruck, dass Lilly bloßes „Guten Tag“ sagen befriedigt. Es stiftet sie allenfalls dazu an, den ollen Boxer-Senior zum Spielen aufzufordern. Im besten Fall ist ihm das egal, und sie ist nur frustriert. Im für mich ungünstigsten Fall habe ich danach ein Thema, weil ich sie hinter mir her ziehen muss. Oder ich werde wieder angequietscht, vorzugsweise von Frauen mit kleinen, niedlichen Mischlingshundchen. Weil man dann ins Gespräch kommt, man ja zum ersten Mal „einen echten Labradoodle“ sieht, von dem man ja schon so viel gehört hat, aber noch nie gesehen. Ob die denn wiiiiiiirklich keine Haare verlieren? Und wie ist es mit Allergien? Ob sie stinken? Und wie alt isse denn? Um es ein für alle Male zu beantworten: Lilly verliert keine Haare, weil sie 2. Generation ist, also 3/4 Pudel. Deshalb geht das auch mit (meiner!) Allergie super. Das gilt aber nicht für jeden Allergiker. Riechen tut sie einfach nur „anders“. Und nein, sie ist nicht so verfressen wie ein Labrador. Ich sollte mal so ein Bullshit-Bingo für Doodle-Besitzer entwerfen. Vielleicht bringe ich’s damit ja zu meinem Haus am Meer?

Erziehungsratschläge bekommen wir jedenfalls jede Menge, genauso wie Ernährungstipps. Ich glaube, damit sind wir als Hundebesitzer nun wirklich nicht mehr weit vom Leid der Eltern in unserem Freundeskreis entfernt. Am schönsten ist jeweils die Empörung im Gesicht des Gegenübers, wenn heraus kommt, dass man selber irgendwas – und unverschämterweise auch noch aus Überzeugung – anders macht. Siehe Begegnungen an der Leine. Oder dass ich verantworten kann, Lilly täglich mehrere Stunden alleine zuhause zu lassen. Das macht sie allerdings nur, weil sie es kann. Weil wir sie auslasten. Und weil wir es über Wochen hart mit ihr trainiert haben. Ein Durchschnitts-Flexileinen-Hundehalter (Gruß an Antje Hachmann und ihre „Arschlochhunde“) kann das nicht nachvollziehen. Muss er auch nicht. Hauptsache, wir wissen, was wir tun. Und was wir noch nicht wissen, zeigt Lilly uns durch ihr Verhalten. Keine Sorge also!

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Wovon träumt ein Hund?

Das Neueste sind seit Sonntag Erfahrungen im Umgang (anderer Hundehalter) mit läufigen Hündinnen. Seit drei Tagen haben „wir“ die Hitze. Und damit meine ich „wir“. Lilly selber hat wohl das kleinste Problem damit. Sie hat letzte Woche schlecht gefressen und ist seit gestern etwas schlapper als sonst, was aber genauso gut an den Temperaturen liegen kann. Ansonsten ist sie munter wie immer, akzeptiert ohne Maulen ihren sexy Tanga, den sie nun im Haus trägt. Und sonst macht sie, was ein Hund halt so macht. Fressen, schlafen, spielen. Ich dagegen – diese Woche Strohwitwe – kämpfe auf dem Feld mit einer Neuauflage der blödesten Bemerkungen. Meine Bitte an einen Halter, seinen Hund anzuleinen, wurde mit dem Vorwurf, unverschämt zu sein, quittiert. Jetzt ist es schon nicht mehr Tierquälerei, sondern geht auch noch ins Persönliche. „Meiner macht aber nix.“ Is‘ aber ein Rüde. Ich möchte das nicht… Heute wurde ich dann noch als „faules Stück“ beschimpft, weil ich mit Lilly direkt zu ihrer Lieblingswasserstelle an die Niers gefahren bin und mir den 2km-Marsch durch das vielbelaufene Hunde-Quadrat gespart habe. Andere gucken mich oder wahlweise den Hund wiederum mitleidig an. Oder sie ekeln sich sichtbar, als hätten wir die Beulenpest oder Krabbel-Aids.

Es ist schon seltsam: Hundebesitzer scheinen untereinander selten ein Mittelmaß zu finden. Entweder sind sie rauh und unverschämt, oder sie verfallen in die Kleinkindsprache… Entweder wissen sie ungefragt alles besser, oder sie quetschen dich aus. Entweder verteufeln sie die Zucht, oder den Tierschutz. Schwarz und weiß.

Da bleib‘ ich doch freiwillig Randgruppe. Mit einem Tierschutz-Mischling aus aufgelöster Zucht.

P.S.: Ein dickes Dankeschön nochmal an Ivonne von Knipsfieber für die tollen Bilder! Ich weiß ja, dass du das liest… ;-)
Es vergeht kein Tag, an dem ich mich nicht darüber freue.

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