Artenschutz für tote Klaviere

Da brat‘ mir doch einer einen Storch. Also wirklich.

Der Heavy und ich, wir haben neuerdings ein Klavier. Genauer gesagt, haben wir zwei Klaviere. Wer jetzt denkt, das sei dekadent, dem sei kurz die Vorgeschichte erzählt:

Seit vielen Jahren war es mein Traum, ein eigenes Piano zu besitzen, aber ein echtes. Meine alte Singlewohnung hat die Erfüllung nicht zugelassen – der erste Stock hätte für starke Männer sicher kein Problem dargestellt, dafür die steile, schmale Treppe, die auch noch ums Eck ging. Es war damals schon eine mächtige Herausforderung, meine Couch, in zwei Teile zertrennt, nach oben zu fuhrwerken. Mein lieber Scholli, oder: „Gottfried Kuhlmann!“ Den pflegt mein Vater lautstark zu beschimpfen, wenn Manneskraft und Ingenieurslogik ihn nicht weiter bringen. In den letzten Jahren ist Papa wesentlich ruhiger geworden, das mag an der Gelassenheit des zunehmenden Lebensalters liegen. „Gottfried Kuhlmann“ ist uns nur einmal kurz wieder begegnet, als Papa wirklich wochenlang Pech mit unserer Elektrik im Erdgeschoss hatte. Früher war die Erwähnung des Namens Grund genug, schnellstmöglich das Weite zu suchen. Nicht, dass das hier falsch verstanden wird. Mein Vater gehört zu der Sorte Hunde, die bellen, aber nicht beißen. Und trotzdem kann er sehr böse gucken und vor allem brüllen wie ein Löwe, wenn er will.

Jedenfalls, obwohl ich vor ein paar Jahren das Klavier meiner Großmutter geerbt hatte, bin ich nie in den Genuss gekommen, eins in den eigenen vier Wänden stehen zu haben. Letzteres war eine Montagsproduktion, und selbst wenn wir es in den ersten Stock hätten befördern können, ich hätte es genauso wenig gewollt wie ein E-Piano. Die Dinger sind zweifelsohne sehr praktisch. Ihnen fehlt aber das gewisse Etwas, irgendwas am Klang ist im Vergleich zu einem „echten“ Klavier immer auszusetzen. Und sie sind einfach nicht so schön.

Heavy hat mich schon mit diesem Wunsch kennengelernt und sich davon anstecken lassen. Er sieht darin Möglichkeiten für seine eigenen musikalischen Projekte, vielleicht lernt er ja nochmal ein neues Instrument? Für mich hatte das Klavier in den letzten Jahren trotzdem nicht die oberste Priorität, und schon gar nicht, seit wir in das Haus eingezogen sind. Wir haben eigentlich noch genug offene Punkte und Anschaffungen abzuhaken.

Wie es der Zufall so will, wurde Heavy vor ein paar Wochen von einem Kollegen angehauen, ob er jemanden kennt, der ein Klavier „braucht“. Und keinen Tag später hatte er einen Besichtigungstermin. Ich selber hatte mit der ganzen Sache nichts zu tun. Es war eher das Gegenteil der Fall: Mir war nicht klar, wohin damit. Ich hatte mich bereits entschieden, mein kleines Büro nicht weiter voll zu stellen. Und Heavy wollte im Wohnzimmer unbedingt einen Kamin haben. Aber dafür war es dann zu spät. Bei der Besichtigung hatte er sich hoffnungslos in das alte Stück verliebt. Es ist aber auch wirklich ein schönes Teil! Gebaut von einer Berliner Manufaktur, irgendwann zwischen 1820 und 1880, Elfenbeinklaviatur und schöne Schnitzarbeiten an den Füßen. Weil Heavy von der Sache so überzeugt war, überredete ich meine Mutter, uns zu einer zweiten, diesmal gemeinsamen, Besichtigung zu begleiten. Mama und ich waren aufgrund des Alters skeptisch, was die Bespielbarkeit angeht. Vor Ort waren wir überrascht, weil wir den Zustand schlimmer erwartet hatten. Auf den ersten Blick schien auch nichts dagegen zu sprechen, das Instrument zu einem mittleren, aber erschwinglichen Preis, restaurieren zu lassen. Und wir waren uns alle drei darüber einig, dass es sich um ein besonders hübsches antikes Stück handelte. Innerhalb weniger Wochen stand das Klavier für kleines Geld in Heavys und meinem Wohnzimmer, keine zwei Tage später fanden wir uns im Music Store wieder und kauften einen Stimmschlüssel, um vorab eine Grund-Stimmung zu erreichen. Der beauftragte Klavierstimmer und Restaurator sollte nicht allzu viel Arbeitsstunden darauf verwenden müssen, herauszufinden, ob das Instrument überhaupt seine Stimmung hält.

Das war echt spannend. Ich meine, vermutlich hat fast jeder schon einmal ein Klavier von innen gesehen, aber da einfach selber dran rumzufummeln, weil egal ist, ob etwas kaputt geht oder nicht, das hat schon etwas Besonderes. Und Heavy war stolz darauf, schon eine ganze Oktave um 3 Halbtöne nach oben, in die richtige Stimmlage, gebracht zu haben. Bis ihm eine Saite riss. Vielleicht war es doch keine gute Idee, ein 200 Jahre altes Holzinstrument unter Spannung zu setzen… Das Telefonat mit dem Klavierbauer gab uns Recht. Erstens lag der Kammerton im 19. Jahrhundert noch bis zu einem Ganzton tiefer (damit unter 440 Hz), und zweitens hat man Klaviere in Abhängigkeit von Ort und Region wie auch nach Art der Musik unterschiedlich gestimmt. Weil keiner nachvollziehen kann, welche Grundstimmung unser Schätzchen einst genossen hat, sei es nicht ratsam, die Saiten zu sehr hochzuziehen. Nicht die Saiten, auch das Holz könnten unter zu viel Spannung einreißen.

Also musste Heavy seinen Stimmhammer beiseitelegen und sich in Geduld üben. Denn auf den Klavierbauer und seinen fachkundigen Rat mussten wir zwei Wochen warten. Das folgende Urteil war vernichtend: Unser Klavier ist ein Geradsaiter und damit in seiner Bauweise nicht mehr mit heutigen Instrumenten zu vergleichen. Die Restauration würde ca. 7000 EUR kosten – und selbst dann sei nicht gewährleistet, dass der Klang zufriedenstellend wäre. Der langen Rede kurzer Sinn: Mit dem antiken Stück aus Berlin und uns, das wird nichts. Der Klavierbauer war sehr nett und lud uns ein, ihm bei der Arbeit zuzusehen, was wir prompt am folgenden Wochenende umsetzten. Und *schwupps*, ich hab es förmlich kommen sehen, verliebten wir uns in der Werkstatt – diesmal beide, und ein bisschen mehr noch ich – in ein Yamaha U30. Heavy war sich schnell sicher, dass wir möglichst schnell einen Ersatz für das nicht funktionstüchtige Klavier brauchen, und binnen zweier weiterer Wochen stand das hochglanzpolierte, moderne Yamaha in unserem Wohnzimmer. Und wird in der Zwischenzeit auch fleißig bespielt.

Was nun tun mit dem alten Schätzchen? Heavy brauchte einige Tage, um sich überhaupt damit abzufinden, dass es zumindest bei uns nie seine alte Frische zurück erhalten wird. Ja, er war richtig geknickt. Er hätte es gerne dauerhaft auf der Terrasse stehen. Damit würde er ihm als Blumenkübel noch zu einer Art Gnadenbrot verhelfen. Davon bin ich immer noch nicht besonders begeistert, liegt doch draußen sowieso schon zu viel Trödel seit zu vielen Monaten herum. Im Moment sehe ich auch den Zeitpunkt noch nicht, wann diese Terrasse einfach nur als eine solche zur Entspannung dient. Derzeit schreit alles nach Entrümpelung und anderen Arbeiten. Nach langen Diskussionen entschieden wir uns dazu, eine Ebay-Auktion zu starten. Vorsichtig zuerst. Mit Mindestgebot, damit wir das Geld wieder raus bekämen, das wir dafür bezahlt hatten. Und mit einem etwas darüber liegenden Sofort-Kaufen-Preis. Ich schrieb einen schicken Text für Liebhaber dazu, aus dem auch klar hervor ging, dass das Instrument z. Zt. nicht bespielbar ist. Noch schnell den Haken für eine potenzielle Verlängerung gesetzt, sollte das Klavier nicht zum Mindestpreis weggehen. So wollten wir zunächst verfolgen, wie viel die Bieter bereit sind zu zahlen. Im nächsten Schritt könnte man dann das Mindestgebot senken. Alles wunderbar. Mit dieser Vorgehensweise konnten wir Beide gut leben. Nach einer Woche zeichnete sich ab, womit ich schon gerechnet hatte: Unser Angebot war zu speziell, für typische Klavier-Interessenten keine Option, für Antik-Sammler schlecht zu finden, weil in der Rubrik „Instrumente/Klavier“ abgelegt. Es kam nicht zu einem Verkauf, wir gingen in die (automatische) Verlängerung, und ich machte mir Gedanken, wie ich das Angebot nochmal interessanter gestalten könnte. Als ich mich an den Computer setzen wollte, um es zu überarbeiten, kam die Mail von Ebay: „Ihr Angebot wurde entfernt: Elfenbein. (…) Artikel, die aus Elfenbein gefertigt wurden oder in irgendeiner Weise Elfenbein enthalten, sind unzulässig. (…)“

Dass sie erst nach Ablauf der ersten Auktion darauf aufmerksam wurden, hat mich gewundert. Okay, dachte ich mir, dann werde ich das Wort „Elfenbein“ aus der Beschreibung streichen müssen. Und bei der Hotline anrufen und fragen, wie ich die Auktion wieder aktivieren kann. Gesagt, getan. Ein verwirrter und dazu nicht besonders freundlicher Mitarbeiter teilte mir mit, dass man mir aus Kulanz die Gebühr erstatten würde. Ich ging davon aus, dass er damit die Verkaufsgebühr meinte. Aber irgendwie redeten wir aneinander vorbei. Das merkte ich, als er mir ankündigte, dass ich bei einer weiteren Auktion mit meinem Klavier rechtliche Schritte zu erwarten hätte. Es sei denn, ich würde ein Gutachten eines offiziellen Sachverständigen für Antiquitäten beifügen. Bei einem zu erwartenden Verkaufspreis von plusminus 300 EUR fand ich die Beauftragung eines Gutachters ein bisschen überzogen. Zumal man es dem Instrument ansieht. Ein Blinder würde das Alter sogar am Klang hören können. Der Ebay-Mitarbeiter fand das nicht ausreichend, da könne ja jeder kommen, und so seien nun mal die Vorgaben. Nun gut, dann ist da wohl nichts zu machen, dachte ich mir, dann eben Ebay-Kleinanzeigen oder eine Annonce in einem Käseblättchen.

Daraus wird wohl auch nichts, zumindest nicht mit Beschreibungstext, und am besten gar nicht… Google spuckt mir aus, dass generell ein Gutachten erforderlich ist, um ein Elfenbein enthaltendes Produkt legal zu verkaufen. Das Washingtoner Artenschutzübereinkommen sieht vor, dass ein Sachverständiger vor einem Verkauf von Waren das Antiksein bescheinigt. Ansonsten ist der Verkauf illegal. Und dann? Bei unserem Glück für verrückte Missgeschicke säßen wir wegen eines ollen Klavieres im Gerichtssaal und am Ende hinter Gittern. Das würde dann nichts mit Heavys Pianistenkarriere.

Außer Kopfkratzen fällt mir da gerade nicht viel Sinnvolles zu ein. Tier- und Artenschutz in allen Ehren, diese Vorgabe ist aus meiner Sicht (zumindest für unsere Zwecke) völlig sinnentleert. Ich meine, der Elefant, mit dessen Zähnen unsere Tasten beschichtet wurden, ist seit etwa 200 Jahren tot. Und es tut mir aufrichtig leid, dass er dafür sterben musste. (Wenn es denn so war, vielleicht ist er aber aus anderen Gründen ums Leben gekommen?) Auch der tote Elefant hat ein Recht auf ein würdiges Zuhause. Es kann doch nicht sein, dass die Müllkippe die einzige Alternative zum Blumenkübel ist?

Wozu 150 EUR für einen Gutachter ausgeben? (So viel hat jedenfalls im letzten Schadensfall die Begutachtung meines Autos gekostet.) Ich habe nicht vor, das weiße Gold von den Tasten zu kratzen und in Vietnam auf dem Schwarzmarkt zu verkaufen. Ich würde das Instrument ausschließlich an einen Liebhaber abgeben, der daran genauso wenig Interesse hätte.

Vielleicht findet sich auf diesem Wege jemand, der eine Idee hat, oder das Klavier wenigstens gegen eine „Schutzgebühr“ übernehmen würde? So heißt das doch bei lebenden Tieren. Vielleicht gilt das ja auch für (tote) Zähne…