Selbstgespräch im Zwiespalt

Entscheidungen sind einfach nicht mein Ding. Jedenfalls nicht, wenn um diejenigen geht, bei denen echte Konsequenzen zu erwarten sind. Entweder treffe ich sie schneller als der Verstand abwägen kann, oder ich leide diesbezüglich unter Aufschieberitis. (Gegen Letztere gibt es übrigens tatsächlich mittlerweile Behandlungsansätze. Ganz schlaue Leute sprechen hier von „Prokrastination“. Klingt fast schon nach einer Krankheit.) Im ersten Fall kommt es vor, dass ich ein inneres Erdbeben erlebe, wenn es darum geht, die mit dem Entschluss einhergehenden Veränderungen zu verarbeiten. Im Grunde war 2014 ein durchgehendes Getöse. Für mein zart besaitetes Ego gab es zu viel unbekanntes Land, in dem ich über weite Strecken orientierungslos umher geirrt bin. Ich muss zugeben: Egal, ob Jobwechsel, Hauskauf oder Hochzeit – es war alles hausgemacht. Es hat uns niemand gezwungen, den Schleudergang einzulegen. Und doch hat sich alles so ergeben. Manchmal überholt einen das Leben einfach.

Der Wechsel meiner Arbeitsstelle nagt noch immer an mir. Ich stellte seinerzeit einen Versetzungsantrag, nachdem ich 9 Jahre Pendelei hinter mir hatte. Seitdem ich in Neuss wohnte, nervte mich auch die Strecke nach Heinsberg, die ich viele Jahre von Mönchengladbach aus gerne gefahren war. Hätte ich geahnt, wie viel mehr Kraft mich mein jetziger Job kostet, ich fürchte, ich hätte mich nie so entschieden. Über Bearbeitungsrückstände kann ich mich nicht beklagen. Die Arbeitsmenge ist gut zu bewältigen. Es ist die tonnenschwere negative Energie, die mich auslaugt. Und das Gefühl, dabei zu verkümmern. Zu viele Jahre schon höre ich mir täglich gleiches Leid an. Depressionen, Schulden, Blutdruck, Scheidung, Krebs, Angststörungen, Alkohol und jede Menge anderer Schicksalsschläge. Wer keine ernsten Probleme hat, die er mir am Tisch hinterlässt, hat wenigstens das mindestens genauso schwer lösbare der fehlenden Motivation. Im Grunde ist das nichts Neues für mich, und somit ist auch der „neue“ Job für mich keine andere, überraschende Herausforderung. Ich habe die stabilisierende Rolle meines bis dahin gewohnten Umfeldes unterschätzt. Das alte Team war über Jahre gewachsen, ich kannte viele meiner Kollegen in- und auswändig, was einen gewissen Charme hatte. Sich zwischendurch bei Anderen auskotzen zu können, gemeinsam über Situationen zu lachen oder schimpfen, ist unglaublich viel wert. Vor allem, wenn man sich keine Gedanken mehr machen braucht, wie das Gegenüber die eigene Einschätzung auffasst. Man kann heute mit einem komplexen Sachverhalt überfordert sein und Rat brauchen, morgen souverän eine Konfliktsituation meistern – die Gesamtheit der gemeinsamen Jahre macht das Bild. Am neuen Standort habe ich auch nach 17 Monaten noch das Gefühl, „ankommen“ zu müssen. Meine Vorerfahrungen sind umfassender als die der meisten Kollegen, es macht keinen Spaß, auf diese Weise „neu“ im Team zu sein. Wer will schon der Streber sein, der (fast) immer eine Antwort weiß? Ich jedenfalls nicht. Es gibt noch andere Gründe, warum ich mich nicht so richtig wohl fühle, aber das hier soll nicht zu einem Jammer-Blog verkommen, also erspare ich euch weitere Details. Es wäre jedenfalls langsam an der Zeit, beruflich etwas zu ändern, zumal unser derzeitiges Projekt im Dezember 2015 endet. Kommen wir zur eingangs erwähnten zweiten Reaktion auf schwierige Entscheidungen, der Prokrastination.

Wie schön es doch wäre, eine konkrete Idee zu haben, was man machen will! Es ist absurd: In meinem Job gehört es zu meinem Tagesgeschäft, berufliche Alternativen aufzuzeigen – ich selber stehe total auf dem Schlauch. Ich bin auch nicht sicher, ob die Magazine, die ich zur Zeit zum Runterkommen verschlinge, in dieser Hinsicht unbedingt zuträglich sind. Wenn man alles glaubt, was in diesen Selbermach-Denk-Rosa-Heftchen steht, muss es total easy sein, sich innerhalb weniger Monate nicht nur beruflich umzuorientieren, sondern gleichzeit die Erfüllung aller Träume zu finden. Greta aus Rosenheim näht den ganzen Tag bunte Quilts und spendet pro Quadratmeter Stoff für die Erhaltung des Regenwaldes. Das alles kann sie sich leisten, weil sie in einem „Tiny House“ (der letzte Schrei neuerdings, wer es nicht kennt, sollte es mal bei Google eingeben, wirklich schöne Idee!) mitten im Wald lebt und außerdem autark ist durch den eigenen Gemüseanbau. Sie sammelt Nüsse und Blätter und bastelt daraus lustige kleine Männchen, die sie ebenfalls in ihrem Onlineshop verkauft. Sie meditiert an einer Lichtung, vor dem Schlafengehen macht sie irgendeine verrückte Yoga-Art. Sie ist kerngesund, war seit 5 Jahren nicht mehr beim Arzt. Greta lebt ein echtes Aussteigerdasein. Bevor ihr jetzt anfangt zu suchen –  sie ist fiktiv. Aber über „Gretas“ wird andauernd in diesen Magazinen berichtet, und man wird angenehm melancholisch, wenn man die Artikel liest. Weil sie umrandet sind von wunderschönen Naturaufnahmen und Zitaten, in denen Greta in prägnanten Sätzen erklärt, wie sie den Absprung aus ihrem Bänkerjob geschafft hat. Wenn das alles mal so einfach wäre…

Es ist nicht so, als hätte ich noch nie darüber nachgedacht, mich selbständig zu machen. Im Gegenteil, mir spuken viel zu oft irgendwelche Ideen im Kopf herum, von denen ich eine zeitlang glaube, dass es toll wäre, sie umzusetzen. Und dann fühle ich diese Sehnsucht, irgendwas zu tun, bei dem ich einfach nur ich sein kann. Der Öffentliche Dienst ist Fluch und Segen zugleich. Nirgendwo in der freien Wirtschaft hat man als Arbeitnehmer so viel Komfort. Sicherer Job, feste Arbeitszeiten (natürlich bei Bedarf Gleitzeit!), betriebliche Altersvorsorge und und und… Für alles gibt es eine Regelungen. Trotzdem – oder genau deswegen – habe ich manchmal das Gefühl, zu ersticken. „Dienstreiseanträge“ und die dazugehörigen „Kofferbuchungen“ sind nur zwei von unzähligen Merkwürdigkeiten, die ich erst kenne, seit ich fürs Jobcenter arbeite. Schön ist auch die „Unterhaltsvermutung“. Ein weiteres, schickes Unwort aus der Reihe war der umgangssprachliche „Armutsgewöhnungszuschlag“, der aber 2011 abgeschafft wurde… Mit ein bisschen Selbstironie schlägt man sich als Pädagoge, wenn auch manchmal beschwerlich, irgendwie durch und findet auch im tiefsten Paragrafen- und Dienstanweisungsdschungel seinen eigenen Weg. Ich merke in der letzten Zeit allerdings, dass ich immer weniger Lust dazu habe. Was also tun? Das sichere Netz und den unbefristeten Arbeitsvertrag aufgeben – der zudem ab dem nächsten Jahr unkündbar wird? Für ein bisschen Selbstverwirklichungsyoga? Oder in der Mühle ein anderes Zahnrad werden? Wenn ich mich nicht ganz dumm anstelle, habe ich Aussicht auf eine Personalentwicklung, sprich: Ich könnte mit Praxistraining mehr Verantwortung und eine höhere Stelle antreten. Controlling. Fachexpertin. Oder Teamleitung. Eigentlich hätte ich mich aufrichtig freuen sollen, als meine Chefin mir angeboten hat, sich für meine Weiterentwicklung einzusetzen. Eigentlich. Denn mein Gefühl war und ist: Unentschlossenheit. Noch sind es 7 Monate bis zum Jahresende. Noch genug Zeit, eine Alternative zu finden oder bis dahin den Kopf in den Sand zu stecken. Woanders bin ich ein Fachidiot. Wer braucht Pädagogen, die nichts anderes können, als Arbeitslose zu beraten oder deren Gelder zu berechnen? Das ist nicht ganz die Wahrheit. Natürlich kann ich auch noch andere Dinge. Allerdings nichts, was ich über aussagekräftige Zeugnisse oder Zertifikate nachweisen könnte. Das bisschen Jugendarbeit liegt zu viele Jahre zurück. Welcher Arbeitgeber interessiert sich außerdem dafür, dass ich Konzerte organisieren und Heavy-Metal-Bands den Kopf waschen kann? Mein CMS-Gebastele und die netten privaten Textchen, die sich hier so sammeln, interessieren außer guten Freunden wahrscheinlich niemanden… Da ist guter Rat echt teuer. Dank des neuen Klaviers war ein niedlicher Gedanke der letzten Wochen, (nebenberuflich?) selbständig Musikunterricht anzubieten. Als ich anfing, das weiterzuspinnen, wurde es anstrengend im Kopf. Hier fehlt es ausnahmsweise nicht an den nötigen Papieren – ein Hoch auf die Spezialisierungsmöglichkeiten im Studium! Für eine Selbständigkeit braucht es allerdings eine Menge Mut. Und Disziplin. Vor allem aber: Möglichst keine Entscheidungs-Prokrastination. Hätte ich mal „was Anständiges“ gelernt. Schreiner oder so. Wahrscheinlich ist es weniger anstrengend, einen Schrank zu bauen als auf dem Amt einen Menschen davon zu überzeugen, dass er jederzeit einen Neuanfang schaffen kann. Jeder ist schließlich seines eigenen Glückes Schmied. Moment mal… Neuanfang starten? Ich glaub, ich dreh‘ mich im Kreis.