Diesseits und Jenseits

Wie die Zeit rennt. Es ist jetzt schon 5 Jahre her, und heute wärst du 28 geworden. Wie du wohl ausgesehen hättest?

immer die Nase im Wind

Ich ertappe mich manchmal bei der Frage, was passiert wäre, wenn du nicht nach Hagen gezogen wärst. Darauf finde ich keine Antwort. Eigentlich ist das auch egal, weil… du bist schließlich umgezogen, es ist nunmal passiert, und das was-wäre-wenn-Gekreisel bringt mich nicht weiter. Im Gegenteil: Am Ende dieser Überlegungen komme ich jedesmal zu der Überzeugung, dass du alles richtig gemacht hast. Als wir noch kleiner waren, hat Mama zu mir gesagt, dass jeder von uns das Päckchen bekommen hätte, welches er/sie tragen könnte. Lange Jahre habe ich nur den Teil verstanden, der meine Schwächen betraf – nämlich, dass ich mit deinen Widrigkeiten im Alltag überhaupt nicht klar gekommen wäre. Die Spritzerei, das andauernde Rennen zu den Ärzten… geplantes Essen. Und der Wahnsinn, der dann mit der zweiten Diagnose noch folgte. Dass du mit meiner permanenten Selbstreflektion dein vorbestimmtes Leben nicht hättest meistern können, ist mir erst sehr viel später aufgegangen. Du musstest dieser lebensfrohe Kerl sein, der vor nichts Angst hatte und wie ein Schwamm alles, was Leben bunt machte, mitnahm und tief in sich aufsaugte. Du wolltest nichts verpassen und vor allem niemals bereuen, irgendetwas nicht ausprobiert zu haben. Intuitiv und sehr weise, würde ich sagen… Chapeau! Vielleicht habe ich dich unterschätzt. Ganz bestimmt sogar. Ich habe leider erst zu spät angefangen, darüber nachzudenken, warum du warst wie du warst. Warum du unsere Ängste oft mit einem Schulterzucken belächelt hast. Du weißt selbst, wie oft du deine Umwelt in große Sorge gebracht hast. Und ich kann mir vorstellen, wie sehr jeder dieser Momente deinen Wunsch nach Freiheit und Autonomie beflügelt hat. Ich sehe heute noch dein genervtes Augenrollen, wenn dich wieder irgendwer betüddeln wollte…

Heute ist dein Tag, und ich weigere mich, das als Anlass zum Traurigsein zu sehen. Du warst dir der Endlichkeit immer bewusst und irgendwie auf eine seltsame Art sogar darauf vorbereitet. Mich hat oft erschreckt, wie du so gefasst in jungen Jahren darüber sprechen konntest. Es war altersbedingt eigentlich so gar nicht unser Thema. Du hast es sogar auf meinem 18. Geburtstag einem meiner Freunde erzählt. Dass du nicht alt wirst. Wahnsinn, du musst 7 Jahre alt gewesen sein!!! Wenn du damit umgehen konntest – wer bin ich, dass ich damit hadere? Ich meine… ich weiß genau, was du sagen würdest. Dass es Quatsch ist und nichts bringt, sich damit auseinander zu setzen. Es klingt wie eine abgedroschene Worthülse aus einem Kitschroman, aber du würdest wirklich sagen, dass ich nach vorn sehen soll. Und dass ich selber schuld bin, wenn ich’s nicht tue. (Das ist jetzt weniger kitschig, eher typisch du.) Und wie recht du damit hast. Zurückholen kann dich sowieso niemand. Mit Warum-Fragen habe ich lang genug mein Schicksal bedauert. Das ist wenigstens mal eine Entwicklung: Nachdem ich den Dreh raus hatte, hab ich damit aufgehört, jedesmal nach Gründen zu suchen. Es gelingt mir nicht immer, aber es wird besser. Wir sollten uns auf das beschränken, was in unserer Macht liegt. Für das Gute dankbar sein und das Schwere, Traurige irgendwie versuchen hinzunehmen, ohne daran zu zerbrechen. Makabererweise ist es genau das, was du vorgelebt hast. Wenn man nicht an Zufälle glaubt, liegt der Schluss nahe, dass wir nicht ohne Grund in das Leben von einander treten. Ich finde, das ist ein ebenso berührender wie beruhigender Gedanke. Hast du auch etwas von mir gelernt?

Ich bin froh, dass du bei uns warst. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an dich denke. Mittlerweile ist es mehr Wehmut als Trauer. Manchmal muss ich lachen, wenn ich über die Krakelschrift auf irgendwelchen Sachen von dir stolpere. Oder wenn ich daran denke, in was für peinliche Situationen du mich manchmal gebracht hast, als ich mitten in der Pubertät war und du noch ein kleiner Stöpsel. Wenn ich mich daran erinnere, wie du manchmal deine Kleidung kombiniert hast, wenn dir keiner zur Hilfe geeilt ist. Wie verrückt du nach deiner Autoschrauberei warst. Wie ehrgeizig du plötzlich dafür sparen konntest. Wie toll du mit Kindern umgehen konntest. Wie warmherzig du warst – und dabei manchmal trotzdem so stoffelig. Manchmal höre ich dich fragen, ob ich dir die Haare schneide, weil du zu faul bist, zum Frisör zu gehen. Ich hab immernoch das Gefühl, dir nah zu sein, vielleicht sogar näher als früher. Weil ich heute mehr von dir verstehe. Hoffentlich spürst du das auch… Vielleicht ist es aber nur meine Einbildung. Wenn ja, kann sie sich ruhig weiter so anfühlen. Es sind wunderbare Erinnerungen.

Danke!