Die Signifikanz von Lamas und anderen Kamelen am Arbeitsplatz

Lieber Herr Wallraff,

ich bin heute Morgen mit einem komischen Gefühl zur Arbeit gefahren. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: Was das Aufdecken von Missständen angeht, sehe ich genau wie Sie eine Notwendigkeit. Allerdings hätte ich mir für Ihre Sendung mehr Objektivität gewünscht, und auch ein bisschen mehr Respekt. So wie Sie uns Jobcenter-Mitarbeiter darstellen, sprechen Sie uns sowohl Menschlichkeit, als auch Verantwortungsbewusstsein ab. So wie Sie unsere Kunden darstellen, beschreiben Sie auch hier nur eine Seite der Medaille.

Ich gebe zu, dass ich über einige Äußerungen der eingespielten Kollegen selbst schockiert bin. Mich würde interessieren, wie viele Mitarbeiter Sie zu ihren Arbeitsbedingungen befragt haben? Die Auswahl der Kollegen ist vermutlich gering im Vergleich zur Gesamtmitarbeiterzahl, wenn sie lediglich die Aussagen werten, die Sie als Praktikant im Team erlebt haben. Wie ich der Presse entnehmen konnte, haben Sie Ihre Recherchen im Vorfeld auf die Ihnen zugegangenen Beschwerdebriefe aufgebaut. Zufriedene Kunden und/oder Mitarbeiter werden Ihnen wohl kaum Briefe geschrieben haben. Mit geschätzten 65.000 Mitarbeitern deutschlandweit ist „das Jobcenter“ nicht gerade klein. Ich möchte damit Ihre Ergebnisse nicht bagatellisieren und auch nicht behaupten, dass wir alle nur fröhlich und zufrieden an unseren Schreibtischen sitzen. Es gibt jede Menge Baustellen im SGB II und selbstverständlich auch Missstände in den Arbeitsbedingungen. Ich arbeite inzwischen seit 10 Jahren mit dem SGB II, zunächst trägerseitig, seit 9 Jahren fürs Jobcenter selbst, habe zwei Jobcenter-Teams mit jeweils bis zu 25 Mitarbeitern miterlebt. Über verschiedene Fortbildungen und Veranstaltungen habe ich etwa 50 weitere Kollegen kennengelernt. Mir steht nicht zu, für den Kollegenkreis in ganz Deutschland zu sprechen. Dazu kann ich zu wenig beurteilen, was anderswo vor sich geht. Allerdings habe ich in dieser langen Zeit keinen Kollegen kennengelernt, der ein derart vernichtendes Urteil über unser tägliches Brot fällen würde. Der sich einem neuen Mitarbeiter gegenüber, einem „Praktikanten“, so fahrlässig äußert (zum Thema „Gott spielen“ und Post entsorgen).

Bei allen Widrigkeiten – die O-Töne Ihrer Einspieler werden dem Ist-Zustand nicht gerecht. Sie schildern den Fall einer Kollegin, deren Vertrag 14x verlängert wurde und den man schließlich habe „einfach auslaufen“ lassen. Entschuldigen Sie die anmaßende Frage: Wer ist so schmerzfrei und lässt das 14 Jahre mit sich machen? Hier kann es sich nur um einen Einzelfall handeln, der einen verdammt bitteren Nachgeschmack hinterlässt. Sie haben völlig Recht. Diese Geschichte ist unfassbar! Die befristeten Kräfte in meinem Umfeld (zu denen ich in meinen ersten 3 Jahren Jobcenter selber gehört habe) sind im Übrigen alle durch die Bank übernommen worden. Auch das ist Realität. Allesamt Einzelfälle?

Den Unterschied zwischen ländlichen und städtischen Jobcentern haben Sie kurz angesprochen. Leider wirklich nur sehr kurz. An diesem Punkt kann ich, zumindest für meine kleine Erfahrungswelt, mitreden. Meine Erkenntnisse lassen mich vermuten, dass diese Unterschiede überall auffallend sind. Ich habe die Vorteile eines ländlichen Jobcenters zu schätzen gelernt, die Möglichkeit der „ganzheitlichen“ Arbeit mit meinen Kunden. Ich habe ganze Bedarfsgemeinschaften betreut, sie teilweise zu Hause besucht und auch zu Netzwerkpartnern begleitet. Auch heute noch besteht meine Arbeit zum größten Teil aus Mut machen, Selbstwertprobleme und gesundheitliche Einschränkungen ernstnehmen und motivieren. Um in der Beschäftigungsförderung etwas bewirken zu können, ist Vertrauensaufbau der wichtigste Schlüssel.

Inzwischen arrangiere ich mich mit den Vor- und Nachteilen eines größeren Standorts. Auch hier habe ich Mittel und Wege gefunden, der Tätigkeit meinen persönlichen Stempel aufzusetzen. Die Anonymität in einem größeren „Betrieb“ hat allerdings durchaus auch guten Seiten…

Egal aber, wo ich arbeite, Herr Wallraff, eins kann mir mein Arbeitgeber nicht nehmen: Meine Mündigkeit. Innerhalb des Systems habe ich (hat jeder!) jederzeit die Möglichkeit, eigene Entscheidungen zu treffen. Innerhalb dieses Systems bin ich als Mitarbeiterin doch diejenige, die sich gegen das Vernichten von Poststücken oder für das Verhängen einer Sanktion entscheiden kann. Ich spiele ganz gewiss nicht „Gott“ – dafür gibt es Gesetze, an die ich mich (übrigens genauso wie meine Kunden) halten muss. Klar gibt es wie in jedem anderen Gesetzbuch auch im SGB II viele Grauzonen, „Kann-Regeln“. Immer wieder bin ich dazu angehalten, Ermessensentscheidungen zu treffen. Und selbstverständlich ist auch wahr, dass in letztere meine persönlichen Einschätzungen einfließen. Allerdings gibt es auch hier Grenzen, innerhalb derer ich mich bewegen darf und außerhalb derer mein Spielraum endet. Meine Aufgabe ist es, die Interessen der Allgemeinheit immer denen des Einzelnen gegenüber zu stellen und dann eine Entscheidung zu treffen. Nur so kann ich verantwortungsbewusst handeln und mir selber abends im Spiegel in die Augen sehen. Ich habe mich gestern Abend für manche Kollegen in Ihrer Sendung geschämt. Kollegen, die „neue Mitarbeiter“ zum Verschwinden von Unterlagen animieren und offen kundtun, dass sie im übertragenen Sinne nach reiner Willkür entscheiden, haben in unserer Arbeit nichts verloren. Wenn diese Vorgehensweise damit entschuldigt wird, dass die Arbeit nicht zu schaffen ist, macht es das eher schlimmer als besser. Immerhin arbeiten wir mit/für Menschen, wie Sie selber richtig festgestellt haben. Auch ich kenne überquillende Schreibtische und eine nicht enden wollende Postflut. Ich habe eine Weile gebraucht, bis ich den richtigen Umgang damit gefunden habe. Schließlich bin ich zu der Erkenntnis gelangt, dass ich meinen Gestaltungsspielraum in meine Arbeit einfließen lassen muss, um mir die Umstände erträglich zu gestalten. Diese Form der Eigenverantwortung erwarte ich übrigens auch von meinen Kunden. Für meinen Teil kann ich Ihnen versichern, dass ich niemals Wege bestreite, die ich nicht vertreten kann. Wäre mir bekannt, dass unsere Kunden im Bewerbungstraining mit Lamas spazieren gingen, würde ich keinen einzigen dorthin zuweisen. Aber ganz ehrlich: Halten Sie dieses Beispiel ernsthaft für repräsentativ? Leider habe ich nicht mitgezählt, wie oft im Laufe der Sendung die Lamas eingeblendet wurden. Aus Ihnen wäre ein guter Werbepsychologe geworden! Durchaus sinnvoll können innerhalb eines Trainings Betriebsbesichtigungen zur Heranführung an den Arbeitsmarkt sein. Ich kenne außerdem andere, tagesstrukturierende Maßnahmen, die tatsächlich „Ausflüge“ machen, um das Interesse an „Bildung und Teilhabe“ zu wecken. Kultur und Gesellschaft sind wichtige Einflussfaktoren für die körperliche und seelisch-geistige Gesundheit von Menschen. Deshalb werden die Sport-, Musik- und Nachhilfeangebote für Schülerinnen und Schüler ja, genauso wie die Klassenfahrten und Tagesausflüge, bezahlt.

Leider haben Sie in Ihrer Reportage nicht nur uns Mitarbeiter sehr einseitig dargestellt. Ich habe einen realistischen Querschnitt durch unseren Kundenstamm vermisst. In Ihrer Sendung zeigten Sie selbstbewusste Menschen, die entscheidungsfreudig ihr Leben in die Hand genommen haben. Nicht ohne vorige Frustrationserlebnisse durch die Kollegen, gebe ich zu. Unsere Hilfesuchenden sind aber oft nicht ohne Grund langzeitarbeitslos. Viele haben im Laufe ihrer Biografie harte Schicksalsschläge erlebt und sind dadurch im wörtlichen Sinne vom Leben gezeichnet. Andere sind bereits in ein Leben als Sozialhilfeempfänger hinein geboren worden. Auch diese Kunden gilt es, davon zu überzeugen, dass das Leben mehr zu bieten hat. Manche Menschen müssen aufgrund ihres Lebenswandels erst wieder „auf die Beine gestellt“ werden. Dazu gehört vor allem eine nicht zu verachtende Portion Lebensfreude – und Vertrauen zu ihrem Vermittler/Fallmanager. Dass Sie mit Ihrer Reportage dazu beigetragen haben, wage ich zu bezweifeln. Ich befürchte eher das Gegenteil: Menschen mit schlechten Erfahrungen werden sich bestätigt fühlen. Wieder andere, die bisher zufrieden waren, sind verunsichert. Bleibt zu hoffen, dass es den meisten Kunden egal ist. Wenn nicht, wird die Konsequenz Ihrer Enthüllungen wie ein Bumerang auf uns Mitarbeiter zurück fliegen. Das Ergebnis? Noch mehr Arbeit. Vielleicht häufen sich jetzt Widersprüche, Klageschriften oder Beschwerdebriefe. Davon wären in erster Linie die Sachbearbeitungen und die Rechtsabteilungen betroffen. Die Zweifel räumen wir Vermittler dann mühevoll aus. Jedenfalls versuchen wir es. Zum Glück sind wir das seit Jahr und Tag gewöhnt – BILD und Co. sei Dank! Und auch das verlorene Vertrauen in uns als Menschen bauen wir neu auf. Und wir ignorieren auch unsere persönlichen Ängste, z.B. die, nicht (mehr) ernst genommen zu werden, oder, dass jemand uns Mitarbeiter körperlich angreifen könnte. Das machen wir alles mit links. Und die Zahlen, ja, die Zahlen… die elende Statistik erfüllen wir nebenher. Vielleicht schaffen wir es so ja auf einen noch höheren Krankenstand und eine weiter steigende Arbeitsbelastung?

Mit Verlaub: Für mich persönlich ist die reine Statistik nachrangig. Da zählt eher der Erfolg am Schreibtisch, der in Zahlen der BA nicht darstellbar ist. Arbeitslos oder arbeitsuchend, Integration, Kundenkontakte, Zahl der Eingliederungsvereinbarungen? Was sagt denn das aus? Wenn einer meiner Kunden endlich seine Zahnarztangst überwunden, sein Gebiss hat machen lassen, habe ich ein persönliches Ziel erreicht. Oder wenn jemand durch meine Überzeugung endlich den Weg zur Schuldnerberatung gefunden hat. Das sind Schritte in die richtige Richtung. Und, bevor Sie mutmaßen: Ich bringe durchaus auch Menschen in Arbeit. Aber die blanken Zahlen interessieren mich nicht.

Herr Wallraff, es ist sicher nicht alles Gold, was glänzt. Die Jobcenter sind es erst recht nicht. Ich verstehe (fast) jeden Erwerbslosen, der wütend ist, weil er monatelang auf sein Geld wartet oder es nicht schafft, mit seinem Vermittler einen einvernehmlichen Weg zu bestreiten. Aber wir Mitarbeiter sind nicht allesamt überfordert, die wenigsten unserer Kunden sind unzufriedene „Schrankfälle“ und auch unser Arbeitgeber ist nicht der schlechteste Deutschlands. Was nicht ist, kann ja noch werden?!

Ich finde mutig, dass Sie sich an das Thema heran gewagt haben. Und ich wünsche mir, dass dies zum Anlass genommen wird, konstruktiv an der Weiterentwicklung der Jobcenter und des SGB II zu arbeiten. Vor allem aber wünsche ich mir weniger Polemik und fundierte, sachliche Berichterstattung. Dann wird sich vermutlich auch Frau Nahles der Diskussion stellen. Hoffentlich!

Betroffene Grüße aus Neuss

P.S.: Für Ihr nächstes Projekt schlage ich vor, dass Sie sich einmal dem Thema Zeitarbeit annehmen? Leider haben wir nur bedingt Einfluss darauf, welche Arbeitgeber in unserer Jobbörse offene Stellen melden. Mit einer Enthüllungssendung über Zeitverträge, den Missbrauch von Probezeit und das Umgehen der Mindestlohngesetze wäre sowohl uns als auch unseren Kunden geholfen!