Ego-Experience

Nachdem ich meinen Koffer und die Kiste mit den Lebensmitteln abgestellt habe, überfällt mich schlagartig eine bleierne Müdigkeit, die mir in ihrer Intensität richtig unheimlich ist. So von jetzt auf gleich, so volles Rohr in Richtung einfach Umfallen und Einschlafen.
Ich denke noch darüber nach, wie viel Angst mir das macht oder ob es nur das alte Gewohnheitsfühlen ist, das da wach wird.
Gewohnheitsfühlen? Ja. Das trifft es am besten. Unbekannte Situation – zack – Angst.
Ich habe das hier in all‘ den Jahren immer nur zwischen den Zeilen formuliert. Es gab einfach keinen Grund, dem Thema viel Raum zu geben, und ich bin nicht sicher, inwiefern das heute sehr viel anders sein müsste. Vielleicht so viel: Angst kann richtig scheiße sein. Vor allem, wenn sie sich über körperliche Symptome in dein Leben schleicht. Das habe ich lange nicht mehr erlebt. Dafür bin ich sehr dankbar.

Die Alte muss an die Frische Luft

Seit ein paar Wochen fällt mir schwer, Gedanken zu sortieren und Gesprächsverläufen zu folgen. Außerdem leide ich unter gefährlichem Ideenstau. Wegen meines heldenhaften Opfers, mich Vollzeit in die Corona-Krise zu stürzen, habe ich keine Zeit, die Projekte anzugehen, auf die ich Bock habe. Und je weniger Zeit ich habe, desto mehr hagelt es Ideen – auf dem Klo, im Schlaf, bei Aldi an der Kasse oder direkt beim Schreiben des Einkaufszettels. Und ganz oft auch: Mitten im Satz, beim Frühstücken oder Telefonieren. Das ist wirklich paradox und natürlich unfassbar anstrengend.
Das alles muss raus. Es ist nicht dafür gemacht, es anzuhäufen wie Herbstlaub, an das sich im Frühjahr niemand erinnert. Ich implodiere vor unterdrückter Energie und verpulvere meine Lebenszeit in Antragsberge, die einfach nicht weniger werden wollen. Es macht mich müde und unzufrieden.
Ich bin dankbar, dass es am 01.07. von 39 wieder runter geht auf 24 Stunden.

Über Himmelfahrt reifte der Gedanke, alleine wegzufahren. Und in der Woche danach vergrub ich ihn wieder. Völlig absurd. Was, wenn…?
Auch, wenn es darum geht, mir Horroszenarien vorzuspielen, ist mein Gehirn sehr kreativ. Am Ende war es Heavys Pragmatismus (und der von guten Freunden), der mir raus geholfen hat. Wenn mich das „ärm‘ Dier“ packt, bin ich schließlich in einer Dreiviertelstunde wieder zuhause.

Wer bist du überhaupt?

Als die Buchungsbestätigung für die Ferienwohnung einging, kapierte ich erst den „Ernst“ der Lage. Es folgten gemischte Gefühle. Darunter, wie schon angedeutet, auch große Unsicherheit, ob ich es mit mir alleine in der Fremde überhaupt aushalte. Natürlich habe ich mich gefragt, ob ich Lilly nicht mitnehmen sollte, um mich sicherer zu fühlen. Aber genau das hätte doch wieder nur vom Kern abgelenkt. Das wurde mir klar durch die Reaktionen auf eins meiner Facebook-Postings: Es gehört tatsächlich Mut dazu, den Schritt zu wagen.
Heute Mittag beim Packen war ich seltsam aufgeregt. Da war echte Vorfreude. Und die Packerei war zum ersten Mal nicht anstrengend. Weil ich mich nur um mich selbst kümmern brauchte. Was braucht man schon für 3 Tage, wenn man niemanden treffen und sich wahrscheinlich (bis auf die Terrasse) auch nicht groß vor die Tür bewegen will? Der ganze Sermon an Hundefutter und -zubehör fällt jedenfalls flach.
Merkwürdig war die letzte halbe Stunde zuhause. Heavy war zu Besuch bei einem Kunden. Lilly zurückzulassen fühlte sich kurzzeitig wie Verrat an. Mit dem berühmten Hundeblick hat sie das natürlich extrem befeuert. Als sie allerdings die angebotene Ochsensehne spannender fand als mich zur Tür zu begleiten, war das für mich auch vollkommen okay. Herrchen und Hund sind ein gutes Team, da fällt das Loslassen tatsächlich weniger schwer als befürchtet. Grundsätzlich gestehe ich, zum Lager derjenigen zu gehören, die nicht ohne Hund in den Urlaub fahren. Ich hab mich entschieden, ein Leben mit Hund zu führen – das ändert sich nicht, wenn wir wegfahren. Deshalb sind mir Übernachtungsbesuche unangenehm, wo ich Lilly woanders „parken“ muss. Auch wenn wir gute Orte für sie haben, wo man sich in unserem Sinne um sie kümmert.
Auf der Autobahn fühlt sich alles gut an. Die Strecke ist mir vertraut, denn es geht in die ur-ur-alte Heimat. (Ihr dürft gerne raten.)
Als ich allerdings vor dem wirklich schönen Haus stehe und die Klingel des Vermieters drücke, ist mir mulmig zumute. Und ich frage mich kurz, was er wohl von mir denken wird. Vielleicht hält er mich für eine gestrandete, verprügelte Ehefrau oder sowas. Am Ende ist es mir aber tatsächlich egal.
Er ist sehr freundlich und versucht sich in kurzem Smalltalk mit mir, den ich abblocke. Ich habe darauf keinen Bock (das habe ich nie!) und sage nur, dass ich sehr viel gearbeitet habe in den letzten Wochen und einfach ein paar Tage ungestört sein möchte. Er schaut mich verwundert an, als hätte er noch nie so etwas gehört. Aber auch das ist mir egal. Ich bin erleichtert, als er keine weiteren Fragen stellt und schleppe meinen Koffer und den Korb mit Lebensmitteln die Außentreppe in den ersten Stock. Danach lasse ich mich auf die Couch sacken. Mein Blick fällt auf ein altes – sehr vertrautes und geliebtes – Konzertposter. Das Motiv wirkt wie ein Zeichen auf mich: Genau so fühlt sich das Chaos in meinem Kopf an… Es ist richtig, hier zu sein. 

„Jetzt sitzt sie da wieder und bloggt.“

Genau. Ich muss den Lärm im Kopf irgendwo ablegen. Das hilft mir zu verarbeiten und gibt mir vermutlich das, was Andere mit Digital Detox erreichen. Bloggen ist meine zweite Nähmaschine. Naja, eigentlich die erste. Nämlich diejenige, die immer zu kurz kommt. Das Schreiben war einfach schon immer da, und es war schon immer wichtig. Irgendwas macht es mit mir, wenn ich weiß, dass es gelesen wird. Es sortiert sich besser. Manchmal kommt es schärfer raus als in einem einfachen Tagebuch. Manchmal aber auch nicht. 
Das Erste, das ich in meiner schnuckeligen Wohnung also einrichtete, war die Internetverbindung. Zum Netflix-Suchten, zum Schreiben – und zum Arbeiten. Ja! Ich lüfte den Ideenstau, damit ich mich wieder gut fühle. Aber nur so viel, wie ich will.