Werner Beinhart

Ach, Zeeland. Was hab ich dich vermisst.
Dich und deine niedlichen Klitzehäuschen, behangen mit viel zu viel und völlig übertriebener Weihnachtsbeleuchtung, in denen man vom Wohnzimmer bis ins Bad gucken kann. Deine salzige Luft, die Strände, Tankstellen ohne Kassenhaus, das platte Land und vor allem die menschenleere Weite.

Manchmal ist weniger mehr…

Heute hab ich noch ein paar Gründe gefunden, wegen derer ich mich noch doller in dich verliebt habe als ich es eh schon war. Dass bei dir um 22 Uhr die Bürgersteige hoch geklappt sind und wir nichtmal eine usselige Pommesbude finden, die uns noch mit Speisen versorgen will, sodass wir später auf unsere Wurst- und Stullenvorräte zurückgreifen müssen. Oder Werner. Unser nahezu zahnloser Nachbar. Neubesitzer eines Wohnwagens und irgendwie typischer Camper, jedenfalls, was die Willkommenskultur angeht. Ehrlich gesagt glaube ich, dass es diese Art Camper wie Werner einer ist, nur auf holländischen Campingplätzen zu finden gibt. Auf unserer Bayernrundreise sind wir auch mit unterschiedlichen Leuten ins Gespräch gekommen. Da war zum Beispiel dieser komische Rentner, glatzköpfiger Managertyp, der von seinen Geschäftsreisen erzählte und davon, dass er quasi in jedem „Hafen“ eine Andere gehabt  hatte, dabei in jeder Denkpause an seiner schalen Halben nippend. Oder die nette Familie, die in unserer Abwesenheit bei dem heftigen Unwetter fürsorglich unser gesamtes Vorzelt abgebaut und in die entsprechenden Säcke eingetütet hatte, damit unsere Stangen nicht zerbrechen. Ausgerüstet waren die Camper in Bayern allerdings viel zu perfekt. Der Schlag Mensch, der mit Thermomix und Hähnchengrill verreist. (Für den Heavy ist schon eine Senseo-Kaffeemaschine im Wohnwagen ein Grund für ausschweifende Diskussionen.) Jedenfalls… in Holland wird wesentlich urtümlicher gecampt. Deshalb liegen meine Jogginghose und die ungeschminkte Sturmfrisur am Morgen auf dem Platz auch sehr weit oben im Trend. Doch zurück zu Werner.
Erleichtert schnaufend stand ich gestern um 21.15 Uhr mit meiner Etappenzigarette vor dem Wohnwagen. (Der Begriff kommt von „Etappensieg“ und meint im Grunde die Belohnung dessen. Wenn wir Raucher etwas Herausforderndes vor uns haben oder auch geschafft haben, müssen wir „erstmal eine rauchen“. Meine Etappe lag gestern um die Zeit hinter mir: Wir waren ungefähr 37 Minuten am Platz, hatten zu zweit den Wohnwagen fünfmal um die eigene Achse, von vorne rechts nach hinten links gezerrt, bis er – immernoch nicht weit genug hinten auf dem Stellplatz – endlich in der richtigen Windrichtung mit Blick zur Rezeption eingenordostet stand.

Heavy kurz vorm Einchecken

Außerdem hatte Heavy die Füße runter gekurbelt und die Gasflasche geöffnet, ich Strom- und Wasserversorgung sichergestellt und die ersten Habseligkeiten aus Taschen, Tüten und Plastikboxen gefriemelt und anschließend im Wohnwagen asymmetrisch, aber sehr wohl nach fraulichen Prioritäten geordnet, zerstreut. Wir waren für unsere Begriffe unglaublich schnell und effektiv gewesen. Damit war es also dringend Zeit für besagte Zigarette.) Just in dem Moment, als ich gedankenleer meinen Qualmkringeln auf dem Weg in die schwarze Nacht hinterhersah, tippte mir jemand auf die Schulter und verriet mir seinen Namen. „Hallo, ich bin Werner.“ Ach so, dachte ich. Und hatte eigentlich nach der langen Fahrt, inzwischen mit Bärenhunger und einem Hund, der verdammtnochmal endlich kacken musste, nicht das Bedürfnis, zu allererst neue Freundschaften zu schließen. All das konnte Werner nicht wissen. Deshalb sagte ich es ihm auch nicht, sondern verriet ihm ebenfalls erstmal höflich meinen Namen. Heavys Blick hätte auch nichts Anderes zugelassen. Nach immerhin 5 Jahren kenne ich seine Einstellung. Immer freundlich zu Allen sein, man weiß nie, wann man Jemanden noch brauchen kann. Jedenfalls so ähnlich. Während ich Werner also sagte, wie ich heiße, lief bereits das innere Heimkino. Heavy und Werner beim Biertrinken. Werner mit Frau, seinen zwei Hunden und uns beim Strandspaziergang, Werners Frau und ich beim Shoppen, wir alle beim Grillen… äh. Okay, es ist Winter, vielleicht nicht so realistisch… „Habt ihr auch ’ne Heizung? Könnt ihr uns morgen mal helfen? Ich weiß nicht, wie die angeht, der Wohnwagen war ein Schnäppchen, gerade erst gekauft. Wir haben keine Ahnung.“ Puh. Also nur das Übliche. Kategorie „Wir-haben-unsere/n-Gummihammer/Wasserwaage-vergessen“. Das gehört zu Holland dazu. Und das liebe ich eigentlich. Weil ich auch immer irgendwas vergessen habe, und weil es mir niemand je übel genommen hat. Weil jeder irgendwas vergisst, oder andersrum: Weil jeder für irgendwas eine viel praktischere Lösung hat als alle Anderen. So gewinnt man im Laufe der Jahre an Camper-Perfektion dazu. Meine Eltern praktizieren das schon seit über 30 Jahren. Im Grunde kann es keinen Ernstfall mehr geben, auf den sie mit ihrer Campingabenteuer-Erfahrung nicht vorbereitet wären. Sie sind inzwischen definitiv krisenerprobter und vor allem erfinderischer als McGyver. Nachdem wir Werner unsere Hilfe also selbstverständlich für den nächsten Tag zugesichert hatten, trollte er sich wieder.

Nach dem Wurstbrot ist vor dem Wurstbrot.

Ach, Zeeland. Ich hab mich neu in dich verliebt, weil deine Örtchen so beschaulich klein sind. Weil es überall gleich aussieht. Weil ich, nachdem ich Oostkappelle in- und auswändig kenne, nun nach nur einem Tag in Burgh-Haamstede das Gefühl habe, wieder „da“ zu sein. Weil die Kirche nunmal in der Mitte steht, um die sich die paar Lädchen (Brasserie, Fisch- und Pfannkuchenrestaurant, Tourishop, Frituur und Rabobank) kranzförmig anschmiegen. Weil deine Einheimischen Ommas ihren Achtzigsten mit ihrer siebzehnköpfigen Familie in ’ner Pommesbude feiern (kein Scherz!). Mit Mamas Glitzerblüschen und Papas gutem Sacko. Warum auch nicht?
Die Krönung allerdings war heute der kostenlose Milchkaffee im Albert Heijn. Der Heavy hatte schon wieder eine mittelgroße Verschwörung der Kaffeeindustrie vermutet – alles Verbrecher, wie überall! – aber die freundliche Kassiererin bestätigte mir meine Intuition: Der Holländer an sich ist so. Das nennt man Gastfreundschaft. Mein hämisches Grinsen kann Heavy allerdings trotzdem nicht stehen lassen, denn „das schlagen die alles auf die Preise drauf, die Verbrecher…“. Er habe noch nie siebenundzwanzig Euro dreiundfünfzig für diese sechseinhalb Sachen bezahlt. Da ist man am Ende doch argumentativ wieder schachmatt. Ich meine, in einer Punkt muss ich ihm Recht geben. 36 Senseopads für 4,69 Euro (die ja dann an der Kasse doch wieder auf 4,70 Euro aufgerundet werden – Verbrecher!) ist ganz schön viel. Und selbst „Korting: 2 Pakjes voor 1“ (5 Euro für 2 Packungen, also 72 Pads) ist zu viel, wenn man bedenkt, dass ich nie im Leben bis Neujahr 72 Kaffeepads versaufe. Ich meine, ich trinke schon echt viele Kaffees mal so zwischendurch (vielleicht 4 über den Tag verteilt), bei verbleibenden 3 vollen Tagen sind das aber maximal 12, wenn Heavy voll mitzieht, sind wir bei 24 – da reicht eine einzelne Packung immernoch aus. Anstatt sich über die gesparten 30 Cent zu freuen, überlegt der Mann lieber nochmal, ob wir nicht besser 2 Pakete kaufen sollten, „fürs nächste Mal“, wo ich eh schon weiß, dass das zweite Paket bis dahin in den Untiefen unseres Keller vergraben ist. Diese Diskussion ist absolut bescheuert. Zumal wir Beide zuhause Pad-Maschinen strikt verweigern. Weil sie eine Verschwörung der Kaffeeindustrie sind. Oder der Verpackungsindustrie. Oder beiden. Crimineel!
Mitten in der Diskussion über Sinn und Unsinn von geschenktem Kunden-Käffchen der Supermarktkette steht auf einmal Werner vor mir, sein Gesicht gefühlt 7cm vor meinem. Ich fühle mich von einem Fremden empfindlich in meinem Individualabstand gestört, denn selbst in dem Moment, als seine Hand schon meine schüttelt, habe ich ihn noch nicht erkannt. Er wähnt uns offenbar in seiner List Of Inner Circle schon weiter oben als ich es erwartet hätte. „Hey, boah, bin ich froh, wenn ich wieder zuhause bin… ich kann nicht mehr“. Sprach’s, meinte damit seinen Wohnwagen, und dann war er auch schon wieder verschwunden.
(Hatte ich schon erwähnt, dass er heute Morgen als Allererstes, nachdem er aus seiner Tür gekrochen war, zu mir rübergestapft kam, um mir einen Kaffee anzubieten? Ich sähe so einsam und verfroren aus. Dabei war ich einfach nur müde. Und mir fehlte ein Vorzelt, um in Ruhe und unbeobachtet morgenmuffeln zu können.) Letzteres steht übrigens inzwischen, worüber wir sehr froh sind. Ab morgen kann ich also ungestört vor mich hin motzen. Der Heavy schläft zum Glück länger als ich.

Zum Glück ist auch auf dem Klo ein bisschen Weihnachten.

Es ist die Wunderlichkeit der Begegnungen, die einen Augenblick besonders macht. Werner ist definitiv ein spezieller Kerl und genauso definitiv auch kein schlechter. Das hat er spätestens mit seinem zuvorkommenden Move heute Morgen bewiesen. Und ich bin manchmal widerlich undankbar. Für diese Erkenntnis bin ich dir dankbar, Zeeland!
Ich gebe zu, das hätte mir genauso gut in Neuss passieren können. Aber dort wäre es mir nicht aufgefallen. Denn, wie das Leben so spielt, sind wir im Alltag nicht offen genug für derartige Erkenntnisse. Da merken wir ja oft nichtmal, wie es uns wirklich geht.
Mein Bauch ist jedenfalls wieder okay, der Durchfall ist überstanden. Aber das fühle ich erst wirklich sicher, seit ich hier bin.

Ich wollte auch schon immer mal 1 Klo-Selfie machen.