Vom Hornhauthobeln und der Geschichte der Irrenanstalt

Heute gibt es für den Heavy Spiegeleier mit Speck zum Frühstück. Diesen Joker packe ich aus taktischen Gründen erst in der zweiten Urlaubshälfte aus – so ist die Freude größer, und ich musste nicht an den heißen Tagen morgens den Wohnwagen noch zusätzlich mit der Pfanne aufheizen. Die Pfanne übrigens, von der Heavy nicht einmal wusste, dass wir sie überhaupt mit haben. Deswegen ist er auch so überrascht, dass das mit den Spiegeleiern „geht“ und freut sich besonders doll.Weil heute „Faulitag“ ist, gibt’s zum Frühstück außerdem eine BILD-Zeitung, die wieder herrlich überzeichnet und von Victoria’s Secret-Models über schlecht gekleidete Bundeskanzlerinnen bzw. einen Karl Lagerfeld, der über selbige ablästert, alles im Informationspaket hat. Was wirklich in der Welt los ist, können wir nur erahnen, in den letzten Tagen haben wir auf bayerischen Radiosendern Wahlkampfinterviews gehört mit einem Seehofer, der sich zur Autobahnmaut äußert und einem merkwürdigen Kandidaten der freien Wähler, der nichtmal richtiges Deutsch spricht und diejenigen „lächerlich“ findet, die sein fehlendes Hochdeutsch monieren. Ich mag ja Mundart und insbesondere auch die bayerischen Kaliber, und dennoch bin ich der Meinung, dass zu einer gewissen Repräsentanz Deutschlands im politischen Weltgeschehen auch die Amtssprache gehört. Nennt mich meinetwegen altmodisch, aber sonst könnten sich ja auch Rainer Calmund oder Wolfgang Niedecken zur Wahl stellen (wobei letzterer auch perfektes Hochdeutsch spricht).

Die BILD-Zeitung gehört für mich irgendwie zum Campingurlaub. Ohne sie wäre mir auch entgangen, das „jeder 3. Deutsche psychisch gestört“ ist. Bestimmt. Ich bin beeindruckt von so viel seriösem Journalismus, wurde aber auch Zeit, dass endlich mal jemand im Rahmen eines Mehrteilers über deutsche Psychiatrien berichtet und auch die „Geschichte der Irrenhäuser“ so schön zusammenfasst, dass selbst unsere staubsaugenden Nachbarn sie verstehen. Da steht auch, dass es heute keine Zwangsjacken mehr gibt. Ich bin überrascht.

Birgit Schrowange (55) hat übrigens eine 87jährige beste Freundin und wird für sie sogar heiraten! Ein Bericht über die generationenübergreifende Freundschaft ist dem Springerverlag gleich mal eine ganze Seite wert. Ich blättere weiter zur In-&-Out-Liste und ärgere mich, dass ich weder Wickel-Miniröcke im Origami-Style trage, noch Wohnaccessoires und Geschirr mit Stadtplanprint oder ein Fahrrad aus Bambusrohr besitze (alles „in“), dafür im Wohnwagen aber jede Menge Brot herum liegt, „das nach einem Tag schon hart und trocken ist“ („out“). Zum Glück trägt Heavy keine „eckigen Herrenschuhe“, und erkältet, „nur weil die erste kühle Brise weht – verweichlicht“ ist von uns auch niemand. Wir sind also nur halb-out. Amüsiert kopfschüttelnd lege ich das Sensationsblatt zur Seite. Wenigstens der Sportteil ist seine 60 Cent wert, insbesondere, wenn Sportschau und Sky wegen unterirdischer Internetgeschwindigkeit ausfallen.

Nach diesem nervenaufreibenden Frühstück brauche ich dringend eine Pause und verschwinde die nächsten drei Stunden mit meinem Buch auf dem Bett, bis die Innentemperatur im Wohnwagen die 31°C-Marke überschreitet. Heavy vertreibt sich seine Zeit vor dem Ventilator und kämpft beim Bloggen mit der Internetverbindung. (Er braucht eine Viertelstunde, um ein einzelnes Foto hochzuladen.) Im Vorzelt ist die Verbindung besser, aber wir haben offensichtlich heute beide keinen Bock, uns von den Skurrilitäten der Nachbarn abturnen zu lassen.

So bekomme ich über den Tag verteilt heute nur zwei Highlights mit:

Als ich zum Ufer gehe, um meine Füße in den See zu halten, sehe ich, wie die pubertierende Tochter unserer Nachbarn schräg gegenüber im Gummiboot sitzt und sich genüsslich ihre Hornhaut von den Füßen hobelt. Bei diesem appetitlichen Anblick muss ich den kurzen Anflug von Brechreiz unterdrücken… Es gibt viele Facetten von Körperpflege, die ich persönlich nicht öffentlich zur Schau stellen würde. Hornhauthobeln gehört definitiv dazu. Zum Glück hat mich unser Schöpfer diesbezüglich mit wenig anspruchsvollen Füßen ausgestattet, denen es ausreicht, im Sommer dann und wann barfuß durch die Weltgeschichte zu tingeln, um das Gröbste „abzuwenden“.

Das Zweite, nicht minder bescheuerte Highlight, ist der private Miniflohmarkt, den die Dauercamper auf der anderen Seite unseres Durchgangsweges vor ihrem Vorzelt aufgebaut haben.

Die angebotenen Waren wirken dermaßen ärmlich, dass ich sofort tiefstes Mitleid verspüre. Arztromane, Jerry-Cotton-Heftchen und abgetragene Kleidung. Um die Campingplatzmiete berappen zu können, müssen diese Leute offensichtlich ihr Hab und Gut verschleudern.
Erst später, im Verlaufe des Abends fällt mir auf, dass die „Dame des Hauses“ abends die Socken, die sie noch tagsüber zu einem Vorzugspreis von 10 EUR zum Verkauf angeboten hat, selber strickt, während ihr Ehemann dekadent daneben sitzt und sich via Satellit die Fußballübertragung der zweiten Liga ansieht. Im Pay-TV natürlich… So kann man sich täuschen.
Erinnert mich ein bisschen an die Typen, die in der Gladbacher Fußgängerzone mit Krücken um Geld betteln, um nach erfolgreichem Tagwerk leichtfüßig in ihren Mercedes Benz einzusteigen. Sachen gibt’s.

Braucht jemand Jerry-Cotton-Romane?

Als Heavy ächzend und stöhnend die letzten Zeilen seines Blogs fertig gestellt und auch alle Bilder irgendwie in die Weiten des Internets übertragen hat, ist er so erschöpft und verschwitzt, dass er ein kühles Bad zwischenschiebt, bevor wir den Grill anwerfen. Ruth und Wolle sei Dank haben wir so viel Fleischvorräte der letzten Grillung übrig, dass wir uns heute davon noch mehr als sattessen können.

Pünktlich um 19.15 Uhr verlassen wir unseren Stellplatz und marschieren zum zweiten Mal in freudiger Erwartung zum Campingplatzkino. „Wer’s glaubt, wird selig“ mit Christian Ulmen soll heute, statt gestern gezeigt werden. Schuld war ein Tippfehler auf dem Ankündigungsplakat. Dort stand „Sonntag, 12.08.2013“, was natürlich falsch war, denn der 12.08. ist heute, also Montag. Gestern standen wir schon als Einzige vor der Tür, und der freundliche Filmvorführer vertröstete uns auf den heutigen Tag. Die Plakate würden korrigiert, man hätte sich im Datum vertan, die Vorstellung findet am Montag statt. Heute Morgen beim Zähneputzen waren die gelben Plakate handschriftlich korrigiert, das alte Datum war durchgestrichen, darunter stand nun richtigerweise „Montag, 12.08.2013“.

Als wir allerdings am Kino ankommen, hängt dort wiederum ein neues, diesmal weißes Plakat:

Die dritte Ausführung des Kinoplakates

So langsam reicht’s. Gut, wir könnten auf dem Spielplatz „Kettenbasteln mit Maren“ oder „Origamifalten mit Lena“ oder uns von der örtlichen Thai-Masseurin den Rücken kneten lassen. Die Frage ist nur, ob diese Angebote ebenso von Erfolg gekrönt wären wie der überteuerte WLAN-Zugang oder eben der auf den St. Nimmerleinstag verschobene Kinofilm. An der Verbindlichkeit sollte dieser Platz dringend arbeiten! Wir schlendern also zurück zum Wagen. Heavy verbringt seine Zeit damit, darauf zu warten, dass die Sky-Seite sich aufbaut, während ich mich wieder mit meinem Buch beschäftige.
Ob er noch in den Genuss kam, fernzusehen, kann ich nicht beantworten. Falls ja, bin ich jedenfalls vorher eingeschlafen…