Tag 8 – wir wir nicht nach Malta fliegen und stattdessen im Kloster landen

Es ist Reisetag.
Wir stehen früh auf und klauben unser Zeug zusammen. Unsere Koffer lassen wir noch eine Weile bei Giovanni an der Rezeption stehen, da unser Flug erst abends geht. Bis wir zum Flughafen müssen, wollen wir uns die Zeit im Viertel rund ums Hotel aufhalten, um nicht mit unserem Gepäck die ganze Zeit durch die Stadt rennen zu müssen. Das Frühstück sparen wir uns bzw. packen die merkwürdigen Süßspeisen in unsere Rucksäcke, um für den Fall der Fälle etwas dabei zu haben… Stattdessen gehen wir, nachdem wir unsere Hotelrechnung bezahlt haben, direkt zum Mittagessen.
An unserem letzten Tag in Rom finden wir zum ersten Mal ein Restaurant, das tatsächlich von Einheimischen geführt und auch besucht wird. So günstig haben wir die ganze Woche nicht gegessen. Die Qualität ist auch super, und Heavy freut sich, dass er beim Essen sogar Fußball schauen kann.
Mit vollgefressenen Bäuchen latschen wir zurück zum Hotel und vebringen die folgenden 3 Stunden im Garten auf der Hollywoodschaukel. Heavy liest Regeners „Herr Lehmann“, und ich dämmere mit Alter Bridge auf den Ohren vor mich hin.
Für vier Uhr hat Giovanni uns freundlicherweise ein Taxi zum Bahnhof Termini bestellt, und dann geht es auch schon los.
Ich habe sicherheitshalber literweise Flüssigkeit in mich reingeschüttet und mich mit Kopfschmerztabletten zwecks Blutverdünnung vollgestopft. Was die Fliegerei angeht, ticke ich immernoch nicht ganz sauber, aber der Angst vor Thrombose kann ich wenigstens irgendetwas entgegen setzen. Ob das bei einem derart kurzen Flug sinnvoll ist oder überhaupt irgendwas bringt, steht auf einem anderen Blatt.
Am Bahnhof steigen wir in den Shuttlebus zum Flughafen.Wir haben den Zeitplan so großzügig ausgetüftelt, dass wir stressfrei am Flughafen ankommen und genug zeitig gdnug erwartungsvoll am Check In stehen. Für Rückflüge liegt das zulässige Koffergewicht bei 23 kg, sodass auch Heavy diesmal locker darunter liegt.
„Your passports, please.“ Wir zücken die Personalausweise, die Dame wirft einen Blick darauf, schüttelt dann mit dem Kopf und zeigt bei Heavys Ausweis auf das Feld mit der Gültigkeit. Am 31.01.2012 abgelaufen.
In Zeitlupe nehme ich wahr, wie meinem Freund die Kinnlage runterfällt und er die Augen aufreißt. „But in Düsseldorf it was no problem…“ Die Dame schüttelt weiterhin beharrlich mit dem Kopf. „You want to go to Malta – sorry, Sir. They won’t let you in.“Heavys Gesichtsfarbe entleert sich binnen Sekunden. Es wird keine zwei Minuten dauern, bis er sich aufregt. Also ist jetzt Gelassenheit gefragt. Ich spiele den ruhenden Pol, und ich glaube, das gelingt mir sogar ganz gut…
Wir entscheiden, die Polizeistation im Flughafen aufzusuchen, um zu fragen, was wir jetzt tun können. Gleichzeitig muss Christian auf Malta informiert werden. Er soll Bescheid wissen, dass er sich keine Sorgen machen soll, falls wir den Flieger tatsächlich nicht nehmen können und in Malta dann nicht, wie verabredet, am Flughafen stehen. Heavy hat von ihm keine Telefonnummer, auch via Skype können wir ihn nicht erreichen. Die Telefonnummer seiner Schwester in Neuss funktioniert nicht. Während wir mit unseren Koffern im Eiltempo Richtung Polizei marschieren, telefonieren wir jeweils mit der anderen Hand sämtliche Kontaktadressen zuhause durch, welche die maltesische Telefonnummer haben könnten. – Und erreichen nichts.
Der Polizist ist freundlich, erklärt uns, dass es von Seiten der italienischen Polizei keine Einwände gegen einen Abflug gibt, händigt uns noch die Telefonnummer der Deutschen Botschaft in Rom aus – nicht ohne den Hinweis, dass diese erst morgen wieder besetzt ist. Er empfiehlt uns, der Dame am Check In zu erklären, dass Italien uns für unseren Flug nicht im Wege steht, räumt aber gleichzeitig ein, dass wir wenig Chancen haben werden, wenn die maltesische Airline auf gültige Dokumente besteht. Ersatzdokumente bei der Botschaft zu beschaffen, würde vermutlich ein bis zwei Tage dauern. Auch in Italien ist der 1. Mai ein Feiertag, sodass auch am Dienstag die Botschaft nicht besetzt sein wird. Papiere können wir von dort vermutlich erst am Mittwoch erwarten. Also erstmal zurück zum Check In und auf die Tränendrüse drücken.
Die Flughafenangestellte lässt sich nicht beirren. Malta will uns nicht ohne gültigen Ausweis. Es ist bitter, aber wir müssen erkennen: Heute kommen wir definitiv nicht mehr nach Malta. Zumindest nicht als Paar, und alleine fliegen ist für mich ausgeschlossen.
Rauchen. Nachdenken. Telefonieren. Diskutieren.
Endlich meldet Christian sich, dem wir auf den Skype-Anrufbeantworter gequatscht hatten. Auch er, seines Zeichens Rechtsanwalt, der schon die ein oder andere Reisepleite mit Genehmigungen und Vorschriften erlebt hat, schätzt die Situation so ein, dass wir uns von einem Flug nach Malta vor Mittwoch gedanklich verabschieden sollten. Er hält es nichtmal für unrealistisch, dass die Botschaft uns nur Dokumente beschaffen kann, die uns zu einer unproblematischen Heimreise verhelfen, nicht aber zu weiteren Urlaubsunternehmungen.
Flüge nach Deutschland zurück gehen heute ebenfalls keine mehr. Christian schlägt eine Bahnfahrt mit Zwischenstopps in Basel, München u.ä. vor. Heavy, der kurz vorm Platzen ist, hat darauf keine Lust. Auch ich habe nach einer Woche Rom den Kanal voll und lege keinen Wert auf Besichtigung weiterer Großstädte mit Straßenlärm und Warteschlangen. Frust. Oh, unendlicher Frust!

Rauchen. Nachdenken. Ausrasten. Diskutieren. Versuchen, Ruhe zu bewahren. Kaffee holen. Unstrukturiertes, verzweifeltes Hin- und Herlaufen. Informationsbeschaffung an verschiedenen Schaltern.
Der nächste bezahlbare Flug nach Hause geht morgen um 14.30 Uhr. Was für ein sinnloses Geldverschwenden uns da bevor steht!
Wie und v.a. WO verbringen wir die Nacht? Flughafenbank?
Giovanni ist ausgebucht, das hat er beim Bezahlen erzählt. Eine weitere Nacht in der Villa Lanusei ist also ausgeschlossen.
Nochmal nach Rom zurück fahren und am Termini ein Hotel suchen? Bei der Vorstellung wird’s mir speiübel. Das ist die lauteste und überlaufenste Ecke in Rom. Noch mehr Straßenlärm… Auf keinen Fall. Ich kann nicht mehr! Nichts mehr hören, nichts mehr sehen, nicht mehr denken.
Heavy fragt mich, was ich jetzt tun möchte. Ich weiß es nicht. Mein Kopf ist voll und irgendwie doch so leer. Unser Flieger ist vor einer Stunde gestartet, es ist halb neun.
Stress! Hunger! Noch mehr Kaffee. Noch mehr denken… Und umherlaufen, ohne Ziel.
Wieder setzen wir uns vor den Eingang in die Raucherzone und überlegen, bis nicht nur die Kippen, sondern auch die Köpfe rauchen, was wir tun können. Für Heavy ist es ein Graus, sich in die Bahn zu setzen und 18 Stunden oder mehr nach Deutschland zu fahren. Für mich ist es eine Katastrophe, unter einem derartigen Stressgefühl einen Flieger nach Deutschland zu buchen bzw. – noch schlimmer – mich da rein zu setzen. Außerdem ist es irgendwie schwachsinnig, eine verzweifelte Hotelübernachtung für mindestens 100 EUR in Kauf zu nehmen. Ich würde mich lieber jetzt sofort auf den Weg machen.
Da kommt mir eine Idee… Autovermietung, Europcar oder sowas.
Ich erzähle Heavy davon. – „Das wäre echter Rock’n’Roll! Komm‘, lass uns nach einem Schalter dafür suchen.“ Gesagt, getan.
Vorher rufe ich bei der Europcar-Hotline an, die binnen dreißig Sekunden unsere Hoffnung direkt wieder auf ein Minumum schrumpfen lässt. Eine reguläre Anmietung für diese Strecke kostet um die 700 EUR, es sei denn, ein Fahrzeug aus Deutschland muss wieder zurück an seinen Standort, dann könnten wir Transferkosten in Höhe von ca. 500 EUR sparen. Die Dame am Telefon empfiehlt uns trotzdem, es zu versuchen, da das in Rom am Flughafen nicht selten vorkäme.
Wir laufen ungefähr zum 17. Mal heute um die 250 m, bis wir die Ader im Flughafen gefunden haben, in der diverse Autovermietungsschalter ihren Service anbieten. Hertz, Avis, Europcar, Sixt – wir klappern sie alle ab und fragen nach Fahrzeugen aus Deutschland. Nichts.
Also kein Rock’n’Roll mehr heute Nacht. Schade aber auch.
Wir laufen wieder zum Flughafeneingang.
Kaffee, sitzen, rauchen, denken.
Als ich die ganzen Menschen um mich herum beobachte, stelle ich mir vor, wie es wäre, wenn ich jetzt allein in diesem lauten Chaos säße, wenn Heavy was passiert wäre. Bei der Vorstellung schnürt es mir vor Angst die Kehle ein. „Ich bin so froh, dass du jetzt da bist“, spricht er meinen Gedanken aus. Ich nicke stumm mit dem Kopf.
Es ist kurz vor zehn. Wenn wir nicht im Flughafen übernachten wollen, müssen wir uns langsam etwas einfallen lassen.
Ich recherchiere mit meinem Smartphone Hotels in Flughafennähe. Diese sind extrem teuer. Wir finden eins, das verhältnismäßig bezahlbar wäre und beschließen, den auf der Hotelsuchmaschine angekündigten Busshuttle zu suchen bevor wir buchen. Immerhin ist heute Sonntag, und wer weiß, ob und wie lange diese Busse den Transfer zum Hotel sicher stellen. Wir finden die Haltestelle und glücklicherweise wartet dort gerade ein Bus auf die letzte Fahrt für heute. Der Fahrer spricht kein Englisch, und so haben wir unsere liebe Not, herauszufinden, ob das Hotel noch freie Zimmer hat. Es ist nichtmal möglich, ihm mitzuteilen, dass er das Hotel anrufen soll, um dies für uns zu erfragen. Dann klingelt sein Handy, und er redet und gestikuliert wild auf Italienisch, zeigt dabei immer auf uns. Dann reicht er Heavy den Hörer und fordert ihn auf, in Englisch mit der Person am anderen Ende der Leitung zu reden. Auf der anderen Seite ist aber nicht etwa das Hotel, sondern die Busfirma der Shuttlelinie. Immerhin kann Heavy auf diese Weise die Nummer vom Hotel heraus finden, um dort anzurufen und nach freien Zimmern zu fragen.
Er bittet den Typen der Busfirma, seinem Fahrer auf Italienisch mitzuteilen, dass wir nun das Hotel anrufen werden und er solange noch warten solle, ob wir mit ihm mitfahren oder nicht. Irgendwie scheint er es eilig zu haben. Heavy gibt das Handy zurück, der Fahrer quatscht noch kurz, nickt uns dann zu, dass er verstanden hätte. Ein kurzer Anruf beim Hotel: Fehlanzeige.
Nichts zu machen. Im Internet sind angeblich noch 5 Zimmer verfügbar. Vermutlich ist eine einzelne Übernachtung denen wohl zu popelig. Warum auch immer.

Jetzt gibt es nur noch eine Lösung… Gabriel.

Heavy ruft im Kloster an und klingelt den Guten aus dem Bett, der sofort alles Weitere in die Wege leitet.
Wir fahren mit dem Flughafentransfer zurück zum Bahnhof Termini, nehmen dort ein Taxi zum Kloster und geben Gabriel telefonisch Bescheid, dass wir vor dem Eingangstor stehen. Keine fünf Minuten später haben wir unsere vierte Begegnung mit unserem Pater.
Er hat sich den Schlüssel für ein Gästezimmer geben lassen und führt uns gestrandete Urlauber, nachdem er sich selbst mitten in der Nacht gerade wieder angezogen hat, wie selbstverständlich durch die Klosterflure. Ein gemütliches kühles Zweibettzimmerchen mit eigenem Badezimmer, Schreibtisch, Telefon und frischen Handtüchern. Nicht minder komfortabel als unser Hotelzimmer in der letzten Woche. Der Gute versäumt es nicht einmal, ohne dass ich danach gefragt habe, mir zu zeigen, wo ich rauchen kann. Dann hinterlässt er uns die Durchwahl zu seinem Telefon, verspricht, uns um 8.30 Uhr zum Frühstück (!) abzuholen und verschwindet dann wieder in die Nacht.

Die Atmosphäre im Kloster ist, besonders nach diesem Tag, so beruhigend und friedlich, dass wir schnell zur Ruhe kommen und erschöpft einschlafen.

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