Eine Medienverschwörung

Manchmal bin ich ganz schön stolz auf meine Scharfsinnigkeit. Zum Beispiel gestern.Ich war froh, als ich mich mit letzter Kraft die 30 km Richtung Neuss geschleppt hatte. Den ganzen Tag hatte es in meinem Schädel gehämmert wie nichts Gutes, so als ob der Kettensägenmann, der sich montags auf dem Parkplatzgelände vor dem Gebäude meines Arbeitgebers rumtreibt, direkt vor den Toren meines Großhirns sein neues Lager aufgeschlagen hätte. Geräusche wurden bunte Lichtblitze und Lichteffekte bohrten sich einfach nur tief in den Schädel.
Auch Tabletten und zwei Stunden Schlaf in simulierter Dunkelkammer hatten nur unwesentlich etwas geändert.
Schlimm, aber auch gleichzeitig egal, mit Kopfschmerzen muss man als Frau schonmal fertig werden.
Manchmal haben sie sogar etwas Gutes, dann nämlich, wenn man sich anders keine Zeit für sich selbst nimmt.

Mit jeder Stufe in den vierten Stock zu Heavys Wohnung terrorisierte mich der Kettensägenmann wieder. Er bohrte sein Sägeblatt tief in die Hirnhautrinde, Tätowieren kann nicht schlimmer sein, es zwiebelt wahrscheinlich nur woanders.
Oben angekommen, war Heavy bekümmert über unsere vereinbarte Uhrzeit: „Jetzt hast du die erste Halbzeit verpasst, das tut mir leid!“
Uff. Stimmt ja, das Gladbach-Spiel. Über den Verlauf des Nachmittags hatte ich es ganz vergessen. Meine Prioritäten hatten sich logischerweise irgendwie verschoben, und ich war schon damit zufrieden, inzwischen wieder einen Fuß vor den anderen setzen zu können. „Macht nichts“, murmelte ich und ließ mir meinen Rucksack abnehmen. Dann kletterte ich aufs Bett. Wer zwar mich, aber nicht Heavys Wohnung kennt, wird jetzt denken: „Sooo klein bist du nun auch wieder nicht!“ – Doch!

Zur Aufklärung: Es handelt sich um Heavys heiliges Hochbett. Es ist deswegen heilig, weil er sich dort grundsätzlich am wohlsten fühlt. Ein Rückzugsort der besonderen Art, weil man hier quasi ALLES machen kann. Deswegen ist die imhofsche Medienzentrale auch perfekt darauf abgestimmt: Laptop (mit externer Kühlung), Playstations (II und III, letztere auch noch in „slim“), der neue Samsung Breitbildfernseher (Modell „Ich-Kann-Alles-Außer-Fliegen-Und-Furzen“) samt Sky-Receiver – ein wahres Männerparadies.
Seit ich in Heavys Leben herum geistere, wurde die Peripherie nicht nur um die technischen Finessen erweitert, nein, ich habe so lange rumgenervt, bis Heavy endlich eingesehen hat, dass wir ein Regal brauchen. Man muss nämlich dazu sagen, dass dieses Bett schwankt wie ein Kuhschwanz. Und leider ist das nicht alles, was ich daran auszusetzen habe.
Da es kein „Geländer“ gibt, sah ich mich im Geiste schon dort runtersegeln.
Ich habe mich schon des Öfteren zuhause neben meinem Bett auf dem Fußboden gefunden. Ich träume lebhaft, das ist nicht immer schön. Jedenfalls schlägt sich das auch schonmal auf meinen Bewegungsdrang nieder. Und dann falle ich halt aus dem Bett.
Auch wenn Heavy mir das bis heute nicht glaubt, war er damals bei der Frage, wer welche Bettseite nimmt, trotzdem so nett, mir den Platz an der Wand zuzuweisen. Damit ist das Problem gelöst – glaubte er.
Aber: Es gibt einen Spalt zwischen Wand und Matratze von etwa 40 cm. Wenn ich mich ganz doof anstelle, kann ich also immer noch runtersegeln. Heavy findet diese Behauptung total bescheuert, fast paranoid. Bisher ist mir nichts passiert, das Regal gibt mir wenigstens ein bisschen das Gefühl, mich im Zweifelsfall an irgendwas festhalten zu können, auch wenn es aufgrund seiner Stabilität dann mit mir in die Schluchten fallen würde… Und es minimiert die Zahl der Gegenstände, die wir in Teamarbeit jedesmal hinter seiner Kommode, die unter dem Bett steht, hervorzubbeln müssen. Talentiert wie ich bin, schaffe ich es immer wieder, Feuerzeuge, Handys, Haargummis und was sonst noch so anfällt, runterzuschmeißen.
Deswegen das Regal.
Und weil ich dann auf dem Bett liegen kann und mir meinen Platz nicht mit Fernbedienungen, Playstation, Laptop, Aschenbecher, Telefonen, Frühstücksbrettchen, mp3-Playern und was man sonst noch so für einen gelungenen Abend braucht, teilen muss.
Wenn’s also mal wieder passiert ist, der Hausstand eine Etage tiefer gefallen ist, schiebe ich das runtergefallene Stück von oben mit dem Teleskoprohr vom Staubsauger nach rechts, und Heavy krabbelt zwischen Bettpfosten und Kommode, bis sich das Rohr und seine Hand irgendwann zur Übergabe treffen. Von oben sieht das sehr lustig aus.

Ich versuchte also, es mir auf dem Bett bequem zu machen. Der Fernseher und Sky dudelten schon vor sich hin, sechzigste Minute, es stand 2:1. (Wer gestern Fußball geschaut hat, wird jetzt schon stutzig, denn die Tore fielen alle nach der siebzigsten Minute. Tut wenigstens so, als wüsstet ihr das jetzt nicht und lest einfach weiter, in unserem Spiel führte nämlich Kiew, nicht Mönchengladbach.)
Wird also nichts mehr mit der Champions League, schloss ich daraus und schaltete innerlich dann auch ab, ich hatte immer noch mit den Kopfschmerzen zu kämpfen. Gestern war mir der Fußball herzlich egal.
Heavy war enttäuscht vom Spielverlauf – als das 3:1 fiel, erst recht.
Wir einigten uns darauf, etwas zu essen zu bestellen, da wir zu faul waren, uns noch an den Herd zu stellen. Heavy ist mit den Möglichkeiten, die einem Pay TV offeriert, ziemlich überfordert und glaubt auch (noch) alles, was man (in dem Fall ich) ihm erzählt. Als also wieder Gladbacher und Kiewer Spieler einliefen und ich ihm erklärte, dass auf Sky auch Spiele wiederholt werden, damit auch der letzte Depp, der es zeitlich nicht hinbekommt, alle Spiele sehen kann, dachten wir uns nichts. Heavy war frustriert, dass keine Nachberichterstattung kam.
Da wir keine Lust hatten, alle Sportsender durchzuzappen, bis wir den richtigen gefunden hätten, der noch Interviews und Nachberichte überträgt, schlug ich vor, ins Öffentlich Rechtliche zu wechseln, weil dort in jedem Fall noch Interviews übertragen würden.
Gesagt, getan, wir wechselten zum ZDF. Und wunderten uns. – Dort liefen auch Spieler ein.

Die nachfolgenden Minuten werde ich in Dialogform wiedergeben, Zeitraffung und so.
Börsch: „Komisch. Wieso kommt das da jetzt?“
Heavy: „Weiß nich‘.“
Börsch: „Die wiederholen doch keine Spiele auf ZDF.“
Heavy: „Wenn da nich‘ ‚live‘ steht, dann is das auch nich‘ live.“
Börsch: „Wie meinst’n das jetzt?“
Heavy: „Na, so wie ich sag’… das is nich‘ live, das is‘ ’ne Wiederholung.“
Börsch: „Hääää?? ‚Ne Fußballwiederholung auf’m ZDF?? Quatsch. Sowas machen die nich‘.“
Heavy: „Na, offensichtlich doch!!“
Börsch: „Ey, das is‘ voll die Verschwörung. Die tun immer so, als wären die Spiele live, und eigentlich finden die schon früher statt, und nur wer Sky hat, kann die in Echtzeit guck’n…“
Heavy: „Quatsch. Du kannst auf kicker.de die Ergebnisse guck’n, dann siehste, dass das Spiel vorbei is‘, da steht immer ‚live‘, wenn das echt is‘.“
Börsch: „Aber jeder zweite Tuppes kapiert das nich‘. So wie wir hier. Das machen die doch bewusst so. Dass jeder denkt, es is‘ live. Also doch ’ne Verschwörung.“
Heavy: „Lass‘ uns doch mal bei kicker.de nachgucken.“

(Wir sind zu faul, den Laptop zu bemühen und warten stattdessen lieber weiter ab, was passiert.)

Börsch: „Hmmm… Guck‘ ma‘, das sieht alles ganz anders aus, das is‘ keine Wiederholung.“
Heavy: „Was’n??“
Börsch: „Na, da sind überall kyrillische Buchstaben, die war’n da eben nich‘.“
Heavy: „Is‘ ja auch Quatsch, das Spiel is‘ doch in Gladbach!!“
Börsch: „Neee… Das Spiel is‘ heute in Kiew!“
Heavy: „Nee, da stand eben Gladbach vorne in der Anzeige, dann isses in Gladbach.“
Börsch (kreischt): „Das Spiel letzte Woche war in Gladbach! Nee… Mensch… Ich glaub, wir haben eben die Wiederholung von letzter Woche geguckt…!“
So isses.

Dann schrien wir Beide vor Lachen, und ein bisschen freute ich mich dann doch, dass unser Timing perfekt war und ich die erste Halbzeit nicht verpasst hatte.
Manchmal sind Frauen die schlaueren Fußballfans. Oder?