Ein Hauch von gestern

Dieses Wochenende steht ganz im Zeichen alter Zeiten.

Samstag hat Heavy es endlich geschafft und mich zum Minigolfen breit geschlagen.
Was ich oft und gern als Familien- und Spießerhobby abgetan habe, war eigentlich ganz lustig. Wir fuhren mit Seb zusammen in den Rheydter Stadtwald.
Hier gibt es auch den berüchtigten Monte Clamotte, den ollen Müllberg, das Pendant zu Knutschfelsen oder großen Liegewiesen in anderen Städten. – Hier habe ich im Sommer meine Jugend verbracht. In den 90ern saßen wir in Horden akutpubertärer Teenager, ausgestattet mit Dosenbier, Picknickdecken und Gitarren am Hang des Müllbergs auf der großen Wiese. Bedauerlicherweise gab es damals noch keine Einweggrills…

Diese Erinnerungen in meinem Kopf, roch es am Stadtwald auch gestern nach Geländespiel und Indiaca-Matches.

Beim Minigolfen zog Heavy Seb und mich gnadenlos ab und ließ es sich nicht nehmen, mir hinterher den Zettel mit dem Spielstand in die Handtasche zu stopfen, damit ich seinen grandiosen Sieg so schnell nicht mehr vergesse.
Weiter ging’s in die Spielhölle: Direkt neben der Golfanlage war ein Zelt aufgebaut, das uns fröhlich-bunt blinkend und durcheinander-vor-sich-hindudelnd anlockte, mindestens eins der gefühlten 28 Kinderspielgeräte auszutesten.
Um ein Haar hätte Seb mich in den Minihubschrauber gestopft, und ich hätte für 1,50 EUR endlose Vertikalrunden drehen müssen. Ich konnte mich wehren, ansonsten hätte ich aber auch kein Problem damit gehabt, den Jungs anschließend das Resultat vor die Füße zu kotzen.
Wir lieferten uns abwechselnd (weil zu dritt) Air Hockey Matches, bei denen der Sozialpädagoge unter uns natürlich einen klaren Vorteil bewies.
Ich hatte schon vergessen, wie gut ich mich in solche Spiele hinein steigern kann. Was sich beim Minigolfen noch in Wutausbrüchen geäußert hatte, zeigte sich im Spielezelt mit rasender Pulsfrequenz und roten Wangen. Ich wollte gewinnen, verdammt! Beim Golfen scheiterte es an der korrekten Berechnung von Einfallswinkel-gleich-Ausfallswinkel-Gleichungen, beim Air Hockey fehlte mir vermutlich schlicht und ergreifend die Übung. Oder das männliche Rückschlagkoordinationsgen.
Wobei, so schlecht habe ich mich auch wieder nicht geschlagen.

Um halb neun stellten wir fest, ob der ungewohnt sportlichen Betätigung völlig außer Atem, dass der Besitzer wegen uns seine Öffnungszeiten um eine halbe Stunde überzogen hatte. Wir packten unser Zeug zusammen und gönnten uns ein abschließendes Nachtmahl im Café Trotzdem.

Heute verbrachten Heavy und ich den Tag in Düsseldorf mit meinem Bruder. Das ZAKK feierte ein Straßenfest.
Falls sich irgendwer fragt, wo die ganzen linksalternativen Punks geblieben sind, die sich früher auf den Gladbacher Theatertreppen rumgetrieben haben und inzwischen von meinungslosen Emos verscheucht wurden – DA sind sie!!

Als wir eine Weile lang einer mittelmäßig talentierten Songwriter-Uschi lauschten, steuerte ein Antifa-Kollege mit seiner schwarz bekleideten ach-so-alternativen Freundin auf uns zu. Gedanklich bereitete ich mich schon auf eine patchouliträchtige Schweißwolke vor, und… bingo! Leider blieb Patchouli aus, sodass ich mit seinem Körpergeruch pur fertig werden musste.

Rund ums ZAKK gab es einen Trödelmarkt – sämtliche linksorientierte Parteien, Kapitalismusgegner und Kommunenangehörige verscherbelten Omis alte Vasen, durchlöcherte Kinderklamotten und Drei-Fragezeichen-Schallplatten. Dazwischen gab es Stände von alternativen Geburtshäusern und fair gehandelten Strickpullovern.
Heavys Blick sprach Bände. Mein Brüderchen erklärte ebenfalls seine Absicht, seinen Hausstand im Zweifelsfall lieber zu verschrotten, als ihn auf einem Trödelmarkt oder bei eBay zu verschleudern.
Als es zu regnen anfing, tranken wir noch eine Matetee-Bionade unterm Schirm, rauchten eine Kippe und machten uns auf.
Heavy führte uns auf dem Weg zurück am Gebäude des ehemaligen Proberaums der Toten Hosen vorbei und zeigte uns danach das AK47 an der Kiefernstraße.
Mir war gar nicht bewusst, dass das Viertel rund ums ZAKK in den 80ern von Hausbesetzern belagert wurde.
Wikipedia erklärt mir dazu, dass die Stadt Düsseldorf nach Verhaftung des RAF-Mitglieds Eva Haule und einer folgenden Großrazzia 1987 Mietverträge mit den Bewohnern abschloss. Zunächst waren diese bis 2008 befristet und sind inzwischen bis auf Weiteres verlängert worden.
Die Häuser mit den ungeraden Hausnummern wurden inzwischen von verschiedenen Künstlern bemalt. Auch wenn mir die Malereien teilweise gut gefallen haben, war ich trotzdem froh, als wir uns auf den Rückweg zum Auto machten.

Vielleicht ist es mein Job schuld, dass ich es nicht lang an sozialen Brennpunkten aushalte, jedenfalls bin ich dankbar für meine (nichtmal luxuriöse) Wohnung auf dem Land.
Alles ist besser als tagtäglich mit Menschen konfrontiert zu werden, die ihr Hab und Gut in einem Einkaufswagen durch ihr Leben schieben.

Gregor Samsa aka Franz Kafka hätte jedenfalls seine helle Freude an so viel potenziellen Spielkameraden:

Inzwischen ist’s halb neun, der Durchschnittsdeutsche sitzt mit Chips und Cola vorm Tatort, Heavy vermutlich mit Laptop und Playstation auf dem Bett. Auch für mich wird’s nun Zeit, den Laptop zuzuklappen – morgen geht’s in eine neue Woche!
Auf bald.
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