Abschied und Steckrüben-Melancholie

Es ist Herbst.

Ich bin ein bisschen melancholisch. Nicht negativ melancholisch, sondern dieses Nachdenklichsein, das – zumindest bei mir – jedes Jahr im letzten Viertel ansteht. Ich bin regelrecht dankbar dafür. Irgendwie fühle ich mich dann besonders verbunden mit der Welt. Und damit meine ich nicht die „Welt“, unter der man „Gesellschaft“ versteht, sondern vielmehr mein räumliches Drumherum. Wenn Bäume draußen Blätter verlieren, fühle ich, dass sie eins sind mit meiner Anspannung, die ich im Laufe eines Jahres durchlebt habe. Sie wird weniger, fällt von den Schultern und verabschiedet sich leise rieselnd aus meinem Kopf. Ich komme zur Ruhe, genieße die kühle, klare Luft draußen und könnte dem Regen stundenlang dabei zusehen, wie er die Welt reinwäscht, und wie sich der Alltagsdreck der letzten Monate in Matschpfützen sammelt.

Mich stört dabei nicht einmal, dass ich nass werde – im Gegenteil: Umso schöner, „verdienter“ fühlt sich der Moment zuhause auf der Couch an. Der Moment, wo ich einfach nur das tue, wozu ich bestimmt bin. Das ist schließlich nicht viel mehr als Atmen und Sein.

Herbst ist Zeit der Demut. Zu keiner anderen Jahreszeit wird so deutlich, dass alles ein Kommen und Gehen, Leben vergänglich und nichts darin selbstverständlich ist.

Herbst hilft beim Abschiednehmen.

Abschiede gab für mich dieses Jahr besonders viele. Und leider tue ich mich damit nicht immer leicht. Der Moment, in dem mir auffällt, dass etwas oder jemand nicht (mehr) passt, ist schmerzhaft und unfassbar anstrengend. Alle Synapsen drehen auf Gefahr, das Reptilienhirn schaltet um auf urtümliche Gefühle wie Angst, Wut, Aggression. Es dauert dann eine ganze Weile, bis mein Verstand wieder vernünftig arbeitet und jede noch so absurde Situation, Unterstellung einigermaßen abstrahiert und analysiert ist. Bis ich merke, dass es mir besser geht, wenn ich einfach loslasse. Die erste Jahreshälfte 2019 ist an Hinterhalt und Schäbigkeit in meiner Umgebung kaum zu übertreffen. Meine beiden Hände reichen nicht aus, um abzuzählen, wie oft ich an meinem Verstand und – noch viel schlimmer – an meiner Wahrnehmung gezweifelt habe. Dass ich diese Zweifel zugelassen habe, ist schlimm genug. Wie oft hatte ich deshalb ein schlechtes Gewissen mir selbst gegenüber? Eigentlich weiß ich um meine Stärke im Urteilsvermögen. Inzwischen habe ich mir die Selbstzweifel verziehen, weil es kein schlechter Zug ist, zu allererst vom Guten im Menschen auszugehen. Meine Definition von „Freundschaft“ spricht für mich. Leider besitzt sie keine Allgemeingültigkeit. Meine große Lehre 2019. Inzwischen ist der Drops gelutscht, und ich fühle mich wieder frei, „entgiftet“. Ich bin im positiven Sinne ent-täuscht. Kopf und Herz sind wieder frei, es ist wieder Platz für Sachen und Menschen, die ihn verdient haben.

Ich kann nicht ausschließen, dass sich diejenigen hierher verirren, von denen ich mich frei gemacht habe. Das hier ist Internet, allgemein zugänglich, kein Geheimnis also und vor allem kein Grund für neue konspirative Runden. Irgendwann ist jede Geschichte zu Ende erzählt. Zeit, sich wieder dem eigenen Leben zuzuwenden.

Alles ist vergänglich, auch wir selbst.

Herbst ist auch meine Zeit, mir bewusst zu machen, dass wir nicht ewig hier sein werden. Dass ich nicht ewig hier sein werde. Dass ich keine Zeit zu verschenken habe. Wie von selbst passiert es jedes Jahr, dass ich näher zu mir selbst komme. Ich gehe wieder mehr auf Konzerte – ein Hobby, das ich lange Zeit stark vernachlässigt habe. Ich koche wieder deutlich aufwändiger. Mir ist nach Kerzen, Musik und Büchern. Außerdem habe ich vor ein paar Wochen die Podcasts für mich entdeckt. Ich verschlinge die Gespräche zwischen Charlotte und ihrem Kerl bei Paardiologie, fühle mich verbunden. Nicht nur wegen der gemeinsamen Erinnerung ans Rock Babylon und den Geschichten aus Gladbach. Die Zwei sind herrlich normal in dem, worüber sie sprechen. Und gleichzeitig genauso verquer wie Heavy und ich.

Herbstliebe geht auch durch den Magen.

Herbst, außerdem Zeit der Wurzel- und Knollengemüse. Heute: Steckrübeneintopf. Lecker, aber auch Versorgung von Hund und Mann auf einen Schlag: Das geschmorte Gemüse kann, bevor die Gewürze hinzugefügt werden (gerne aber mit Kräutern) der Rohfleischfütterung beigemengt werden. Lilly bekommt so neben Geschmack die benötigten Fasern für den Darm und wichtige Vitamine und Nährstoffe. Das nur am Rande. Auch der Heavy und ich nehmen mal Abstand vom Fleisch und beugen prophylaktisch Krebs und Rheuma vor. Außerdem sind Steckrübe und Sellerie blutdrucksenkende Vitaminbomben… – was will man mehr? Vielleicht noch die richtige Musik…

Der Heavy und ich waren gestern auf einem Konzert. Checkt mal Metamorpher aus! 

Und wem „laut und heftig“ nichts ausmacht, der hört das hier: