Probeputzen Part I

Freitagnachmittag 16 Uhr, Warten auf die Putzuschi.
Ich sitze auf der Couch, gucke irgendwelche Tiger, Streifenhörchen und Co.-Dokumentationen und frage mich, wie so ein Probeputzen wohl vonstatten geht.Unsere Harry-Potter-Kammer ist vorbereitet. Von Fettreiniger über Staubsauger und Wischmopp bis Scheuermilch steht alles bereit.

Die Kammer des Schreckens

Am Telefon habe ich mich schon ziemlich blöd angestellt. War völlig in meiner Rolle als Tante vom Jobcenter gefangen.
„Wie ist denn ihr genauer Name?“, habe ich die Dame gefragt. Und sie hat etwas irritiert in zwar gutem, aber dennoch türkisch-akzentgeschwängertem Deutsch zurück gegeben: „Äh… wir können das doch beim ersten Gespräch machen, ich schreibe dann alles auf. Ich heiße Filiz.“
Ich habe mich noch dabei beobachtet, wie ich sie nach ihrem Nachnamen frage. Filiz ist nicht gerade selten. Und schließlich möchte man gern wissen, wer einen da so in den eigenen vier Wänden besuchen kommt. Das hat die Gute völlig überfordert. Zwar hat sie mir ihren Familiennamen widerwillig mitgeteilt, war aber offensichtlich von so viel Bürokratie für eine Putzstelle nicht begeistert.
Während die Stimme im Fernsehen mir von Tiger Henrys Winterspeck berichtet, grinse ich über meine eigene Akribie und nehme mir vor, mich beim Eintreffen der neue Perle ein wenig lockerer zu geben. Bietet man eigentlich beim ersten Gespräch über Putzlappen und Feudelgewohnheiten einen Kaffee an? Kann nicht schaden, ein bisschen freundliche Atmosphäre zu schaffen.
Mein Blick wandert auf die Uhr. Viertel nach vier. Vor einer Viertelstunde waren wir verabredet.
Das kann ja heiter werden. Rauchen.

Mein Handy bimmelt. Sie ist es.
„Hallo, ich sitze jetzt im Bus… Krefelder Straße wieviel??“ – „Äh… SCHULstraße.“ Meinen Namen hat sie sich auch nicht gemerkt. Ich bin also doch nicht ganz so bescheuert: Aufschreiben hilft.
Noch ein bisschen hin und her, dann legen wir auf. Keine Ahnung, wo sie jetzt steckt und wie lang der Bus noch braucht. Besonders vorbereitet scheint sie sich jedenfalls nicht zu haben. Wenn ich ehrlich bin, schmeckt mir das nicht. Ich stehe auf alte Tugenden wie Pünktlichkeit und Verbindlichkeit.
‚Komm schon, sei nicht so engstirnig‘, maßregele ich mich selbst und hole mir den nächsten Kaffee.

Drei Minuten später klingelt es an der Tür. Komisch. So nah habe ich hier gar keine Bushaltestelle in Erinnerung.
Egal. Vielleicht habe ich dann doch wenigstens um sechs meine Ruhe, und die Soaps sind gerettet.
Keuchend schleppt sich jemand in den dritten Stock. Eine Frau in meinem Alter, die doch tatsächlich noch einen ganzen Kopf kleiner ist als ich.

Meinen Kaffee will sie nicht. Sie fragt mich, ob ich allein wohne. Das hat sie sich also auch nicht gemerkt – ich habe ihr erzählt, dass wir zu zweit sind. Naja, wer weiß, wie viele Anrufe sie auf ihre Annonce hin erhalten hat. Vielleicht ist sie durcheinander gekommen, das würde auch das mit der Adresse und meinem Namen erklären. „Eigentlich ich kommen aus Witten. Und ich arbeiten in Restaurant. Aber schwarz.“ Aha. „Drei Stunden jeden Tag. Ich können so Nachmittag oder Wochenende.“
Doof. Du sollst morgens putzen, ich will freitags nach Hause kommen und die blitzende Reinlichkeit genießen. Und meine Ruhe.
„Ich haben deutsches Mann.“ Soso, ich auch. Aber ich nix Heiratspapiere. Wilde Ehe und so. Das sage ich nicht, das denke ich nur. Weil mich nicht wirklich interessiert, mit wem sie ihr Bett oder ihren Aufenthaltstitel teilt.
„Ich suchen Arbeit.“ Janee, is klar. Deswegen sind wir ja hier.
Mir fällt auf, dass sie viel gebrochener spricht als am Telefon, dass sie auch weitere schon getroffene Vereinbarungen nicht mehr weiß, also hake ich nach: „Ich habe Ihre Stimme ganz anders in Erinnerung.“
„Ja, ich Freundin.“

Und dann erzählt sie mir, dass Filiz, die mich ja vorhin noch angerufen hat, ihre türkische Freundin ist, sie aber aus Albanien kommt. Und dass Filiz „schon voll“ ist. Filiz, die mir erzählt hatte, dass sie 3 Jahre für eine Ärztin den Haushalt gemacht hat, bis diese kürzlich verstorben und sie daher ohne Arbeit ist.
Na gut, denke ich. Vielleicht ist die Resonanz auf diese Annoncen tatsächlich so groß, dass man schnell neue Stellen zusammen hat. Ich beschließe, es der armen Albanin nicht so schwer zu machen und will sogleich die Vorstellungsrunde von vorn anfangen, als es wieder an der Tür klingelt…
Heavy? Das kann nicht sein, der hat doch einen Schlüssel. Es sei denn, er steht mit einem Regal vor der Tür und braucht Hilfe. Auch unwahrscheinlich, dann hätte er angerufen. Er weiß ja, dass ich durch die Gegensprechanlage nichts hören kann.

Verwirrt gucke ich die Putzuschi in spe an.
Offensichtlich sind wir schon per du: „Kriegst du Besuch?“ Ich schüttele den Kopf. Kaum jemand war schon hier und weiß, wo wir genau wohnen. „Vielleicht mein Freund. Warten draußen.“ Aha.
Wir gehen zusammen zur Tür.

Ich drücke den Türsummer und blicke gespannt übers Treppengeländer nach unten. Ein dunkelhaariger Schopf kämpft sich nach oben. Es scheint wirklich ihr Freund zu sein. (Sagte sie nicht, sie sei mit einem deutschen Mann verheiratet?)

„Komm schnell, Wohnung gucken, da gegenüber“, sagt der jetzt. Ohne „Guten Tag“.
Ich räuspere mich respekteinflößend. Was im Jobcenter vielleicht manchmal Eindruck schindet, hat hier nur mäßigen Erfolg: „Ich nur zehn Minuten gehen, ja? Ich kommen wieder.“

„Was ist denn hier los?“, frage ich ein bisschen ungeduldig. Entweder stehe ich auf der Leitung, oder die Situation ist tatsächlich so skurril wie sie mir vorkommt. Die Perle nestelt unsicher an sich herum und erklärt dann mit gesenktem Blick: „Ich wohnen in Hotel. Ich jetzt Wohnung suchen. Direkt andere Seite von Straße. Dann ich kommen wieder.“

Ich bin sprachlos, so bescheuert finde ich das alles. Deshalb ist Zeitschinden und Überlegen eine gute Idee. Also sage ich „Alles klar, bis später“ und schließe die Tür.

Wohnen im Hotel, mit deutschem Mann verheiratet? Schwarz putzen im Restaurant? Wieso kommt sie nicht allein, wenn doch Probeputzen ausgemacht war, das kann ja schließlich dauern? Und was ist das für ein komischer Typ, der es nichtmal fertig bringt, „Guten Tag“ zu sagen? Oder meinetwegen „Merhaba“, „Ciao“ oder was auch immer.

Sympathisch war sie trotz allem. Und irgendwie tat sie mir leid, weil sie so unbeholfen wirkte. Ein bisschen unterwürfig vielleicht. Eine Putzuschi in einer Wohnung gegenüber ist ja vielleicht auch gar nicht so unpraktisch. Wenn sie die denn bekommt. Wenn sie überhaupt wirklich eine Wohnung anguckt. Warum kann eine Wohnungsbesichtigung nicht warten? Das weiß man doch vorher. Man verabredet sich, macht eine Uhrzeit mit dem Vermieter aus, oder mit der zukünftigen Putzstelle.

Weil mir das alles immer merkwürdiger vorkommt, beschließe ich, Heavy einzubinden und rufe ihn auf der Arbeit an, um zu sehen, ob er schon auf dem Weg hierher ist. Es war verabredet, dass er dazu kommt.

Der Gute hat aber noch so viel Arbeit vor sich, dass er erst in einer Stunde losfahren kann. Mit den Einzelheiten der merkwürdigen Begegnung mag ich ihn jetzt nicht behelligen. Er mag gern kurze, klare Fakten, aber die kann ich gerade nicht liefern. Dazu bin ich zu verwirrt. Also erzähle ich gar nichts und lasse mein Telefonat so aussehen, als habe ich nur die Uhrzeit seines Eintreffens abgleichen wollen.

Es ist viertel vor fünf. Mein Magen knurrt, weil ich noch nichts gegessen habe. Ich mag mir aber auch nichts machen, um dann mit vollen Backen und angekautem Brötchen vor der Nase die Perle zu empfangen. Eigentlich weiß ich noch nichtmal, ob ich sie überhaupt nochmal empfangen möchte.
Geprägt von meinem Jobcenter-Alltag weiß ich, dass es manchmal noch skurrilere Tatsachen gibt, als die Geschichten, die über sie erzählt werden. Phantasien über illegale Auslandsaufenthalte und Scheinehen werden wach. Was ist, wenn der Typ die Putzuschi überall vorschickt, um die Haushalte und deren Gepflogenheiten zu erkunden? Ein Schlüssel und der Vorwand einer Putzstelle liefern den perfekten Zugang zu den tollsten Dingen…

Ich weiß nicht, ob ich ungerecht bin, zu misstrauisch. Die Frau war nett, ehrlich. Wenn auch merkwürdig. Aber der Typ schmeckt mir nicht. Und es ist inzwischen fünf vor fünf. Von zehn Minuten kann hier keine Rede mehr sein. Sie ist zudem ja auch schon eine Viertelstunde zu spät hier aufgeschlagen.
Ich beschließe, ihr eine Chance zu geben, wenn sie vor 17 Uhr klingelt, danach aber nicht mehr aufzumachen. Ich mache mir jetzt doch ein Brot, weil es scheißegal ist, ob mir jemand beim Essen zu guckt. Ich wohn hier.

Die Klingel geht um drei nach fünf. Pech gehabt. Ich mag nicht mehr.
Nach dem zweiten Klingeln erkläre ich durch die Gegensprechanlage, dass es mir leidtut, es aber nicht passt. Dabei freue mich zum erstenmal, dass das Gerät nach oben nicht überträgt. So muss ich mir ihre Antwort nicht anhören.

Also wieder von vorn. Falls jemand eine zuverlässige, weniger rätselhafte Reinigungsdame in Neuss kennt, bitte melden!