Von andächtiger Stille ab in den Rummel

Obwohl noch gestern mit Gabriel zusammen in mühevoller Detailplanung vorüberlegt, starten wir heute doch eine satte Stunde später als geplant. Frühstück sparen wir aus, denn zu selbigem sind wir ins Passionistenkloster Schwarzenfeld eingeladen.
Mittlerweile geht der Abbau Hand in Hand, wir brauchen uns nicht einmal absprechen. Jeder hat so seine Zuständigkeiten.
Ein bisschen wehmütig sind wir schon, denn „Campingplatz Lutter“ hat uns bisher mit Abstand am besten gefallen. Dies kann gleichzeitig auch als Empfehlung gesehen werden: Wer einen idyllischen Urlaub am Wasser plant und auf diesem Weg die Möglichkeit nutzen mag, die Oberpfalz kennenzulernen, ist hier goldrichtig. Die Atmosphäre ist freundlich, nicht zu überladen, das Nötigste, wie z.B. frische Brötchen, gekühlte Getränke oder vergessenen Hausrat (Spüli, Zahnbürsten etc.) gibt es im Kiosk, die Stellplätze sind naturbelassen – und nicht zu vergessen natürlich die großartige Ufernähe.

Auf geht’s also nach Schwarzenfeld zum Kloster.
Wie auch damals in Rom, werden wir hier sehr freundlich empfangen, und Gabriel hat schon das Frühstück zurecht gemacht. Es gibt frisches Brot aus der Region, Käse, Frühstücksspeck, allerlei süße Beläge, Kuchen und Kaffee. So großzügig sind unsere eigenen Frühstücke in den letzten Tagen nicht ausgefallen. Als Stärkung für die Fahrt kommt uns das gerade recht.
Unser Pater erzählt uns aus seinem Leben, von seiner Priesterweihe, seinen (damals noch „weltlichen“) Norwegenurlauben mit dem T3, und dann tauschen wir Gewissenskonflikte im Rahmen unserer Arbeit aus. Interessanterweise stehen er als Priester und ich als Arbeitsvermittlerin manchmal tatsächlich vor ähnlichen Schwierigkeiten. Als er von seiner Arbeit mit Kindern und Jugendlichen berichtet, spüre ich richtig, wie sehr er mit dem Herzen dabei ist. Einmal mehr bewundere ich diese Stärke, mit der er auf viel Komfort verzichtet bzw. besser gesagt, wie wenig er dies als „Verzicht“ empfindet. Wie gern würde ich mir davon ein oder auch zwei Scheiben abschneiden… ;-)

Mit gefüllten Mägen lassen wir uns die Klosterkirche zeigen, und ich darf sogar oben die Orgel aus der Nähe betrachten. Gabriel bietet mir tatsächlich an, sie zu spielen, aber im Nebenraum sitzt eine Frau beim Gebet, die ich mit ungeschickten Verpatzern nicht stören möchte. Mein letztes Orgelspiel ist mittlerweile 15 Jahre her, ich möchte mich nicht blamieren. (Davon abgesehen finden wir den Ein-/Aus-Schalter auch gar nicht.)
Die Orgel fasst drei Manuale, wovon eins die Pfeifen hinter dem Hochaltar bedient, die unteren beiden setzen die Pfeifen auf der Empore in Gang.

Spieltisch mit 3 Manualen
Orgelpfeifen der unteren 2 Manuale

Insgesamt hat die Kirche ein bisschen etwas von der reformierten Kirche in Wickrathberg, auch wenn dort natürlich der größte Teil des Wandschmucks wie Ikonenbilder usw. entfernt wurde. Auch in Schwarzenfeld ist der Marmor zu großen Teilen kunstvoll aufgemalt, das Blattgold allerdings ist echt.

Klosterkirche Schwarzenfeld

Anschließend führt Gabriel uns durch den großzügigen Klostergarten. Die Brüder haben hier auch einen eigenen kleinen Friedhof, der vom Rest des Gartens abgetrennt ist. Apfel- und Birnbäume sorgen für eine ganz eigene Idylle, und auch von Johannisbeeren und Tomatenstauden lassen sich leckere selbstgemachte Speisen herstellen. Der Blick über das Tal ist phantastisch. Wie auch in Rom spürt man hier eine besondere Stille…

Blick aus dem Klostergarten

Nach diesem aufschlussreichen Rundgang wissen wir endlich, wo und wie unser Pater wohnt. – Nun wird es also Zeit, dass er uns mal in NRW besuchen kommt. ;-)

Wer ist der Zweifler?

Wir verabschieden uns auf dem Parkplatz. Mit meinem ausrangierten Navi kann ich sogar noch etwas Gutes tun: Seit ich ein Smartphone besitze, habe ich es nicht mehr benutzt. Zum Herumliegen ist es zu schade. Weil das Kloster mit vier Fahrzeugen ausgestattet ist, von denen nicht alle Zugriff auf ein Navi haben, freut Gabriel sich sehr über den technischen Zuwachs. „So find‘ ich wenigstens zu euch, wenn ich euch mal besuchen komm‘ – die Adresse ist ja sicher noch drin“, sagt er lachend. Recht hat er.

Die Fahrt nach Waging ist anstrengend. Der größte Streckenabschnitt (über 110km) geht über Bundesstraßen. Mit dem Camper können wir nicht gut überholen, und so machen uns die Berge und hochkriechende LKW das Leben schwer. Gegen halb fünf haben wir es geschafft. Wir kommen am Campingplatz „Gut Horn“ an – und sind gleich überfordert.
Es ist voll hier! Die Zelte und Wohnwagen stehen wie Ölsardinenbüchsen aneinandergereiht. Wir stellen fest, dass wir auf den letzten beiden Plätzen richtig verwöhnt wurden. Der Name des Platzes und die Versprechungen der Internetseite klangen nach „familiärer Atmosphäre“, einem kuscheligen Campingnest. Was wir hier vorfinden, ist ein typischer Familienplatz, der keinen noch so absurden Wunsch offen lässt (neben Standards wie Spielplätzen und Strandabschnitt gibt es hier ein Kino, Thai-Massagen, Energiearbeit, eine Segelschule u.v.a.), es gibt sogar einen extra Raum für die „Hundedusche“. Man kann Strandliegen ausleihen, den Heilpraktiker vor Ort buchen …und sich tagsüber Ohrstöpsel in die Ohren stecken, weil eine Zweierunterhaltung keinen Sinn macht und hier jeder schreit, staubsaugt, fönt, Musik hört (und macht), seine Kinder erzieht oder streitet, wie er mag. Noch bevor wir den Wohnwagen an den Strom anschließen und das Vorzelt aufbauen, flüchten wir in das Platzrestaurant. Mit knurrendem Magen ist das gar nicht auszuhalten.
Danach haben wir schnell aufgebaut, an der Atmosphäre können wir erstmal nichts ändern. Außerdem ist davon auszugehen, dass wir, noch gestresst von der Fahrt, heute ohnehin gereizter sind als morgen.
Um zehn allerdings werfen wir das Handtuch. Ich bin gerade fertig mit Schreiben, und wir fliehen sofort ins Bett.
Dort wartet die nächste Überraschung: Weil unser Stellplatz an der Ecke zum Durchgangsweg ist, hat man uns freundlicherweise eine Laterne vor das Schlafzimmerfenster gestellt.
Die Nachbarn plärren noch bis kurz nach zwölf, und danach gibt Heavy mir ein Schnarchkonzert…
Mit Zeitschrift und Taschenlampe habe ich um halb zwei die nötige Einschlafschwere erreicht.