Tag 9 – Tschüss Rom!

Als ich am nächsten Morgen die Augen aufschlage, fällt mein Blick auf den gekreuzigten Jesus Christus. Wir sind also wirklich im Kloster…
Es ist schon merkwürdig. Da fahren wir nach Rom, in die ewige heilige Stadt, und werden auch noch andauernd mit christlicher Religion und ihrem Drumherum konfrontiert. Dass wir Gabriel am Flughafen getroffen haben, war ein schöner und hilfreicher Zufall. Das Aufeinandertreffen am Colosseum war irgendwie witzig und skurril. Jetzt auch noch ausgerechnet in seinem Kloster einen Rettungsanker für die Nacht gefunden zu haben, ist fast ein bisschen unheimlich. Wobei – eigentlich ist es auch egal, ob da der Zufall, das Schicksal oder eine höhere Macht dahinter steckt, denn so wie es gekommen ist, ist es genau richtig. Bis auf die Tatsache mit dem abgelaufenen Ausweis und dem verpatzten Maltaurlaub natürlich. Das hätten wir uns sparen können. Gestern habe ich noch mit Heavy gewitzelt, dass unser Flugzeug bestimmt inzwischen abgestürzt ist, und Heavy hat schon im Spaß angedroht, dann auch ins Kloster gehen zu wollen.
Ich strecke mich und stelle fest, dass dies die erste Nacht in Rom ist, die ich durchgeschlafen habe. Ich habe nicht mit den Zähnen gepresst, und mein Rücken tut zur Abwechslung auch überhaupt nicht weh. Das muss die Ruhe sein…
Heavy hat auch besser geschlafen, allerdings hat er über Nacht einen üblen Husten entwickelt. Vermutlich schlägt seine Erkältung jetzt langsam richtig durch.
Als ich den ganzen Stress vom Vorabend unter der Dusche gelassen habe und mich für die Morgenzigarette auf den Weg in den Hof mache, begegnet Gabriel mir schon auf dem Klosterflur und begleitet mich noch in die Morgensonne. Der Klostergarten ist wirklich unfassbar schön, ich kann es gar nicht oft genug sagen…

Der Wahnsinn ist auch das Frühstück!
Die Küche ist genau so, wie ich mir immer Klosterküchen vorgestellt habe. In der Mitte steht ein großer Tisch, auf dem alles aufgebart ist, das man sich vorstellen kann: Marmelade, Honig, Butter, Käse… Zum ersten Mal seit einer Woche gibt es KÄSE und „stinknormale“ Brötchen!! Wir sind begeistert. Diesen süßen Bäckerquatsch können wir echt nicht mehr sehen. Es gibt auch diese komischen Frühstückskekse, die man Italien überall bekommt, aber davon lassen wir schön die Finger. Kaffee, Tee, heiße Milch aus großen Warmhaltekannen. Cornflakes und anderes Cerealienzeugs.
Neben dem großen Tisch stehen zwei kleine Vierertische, an die sich die Brüder oder die Gäste dann zum Essen setzen können. Auf der einen Seite der Küche gibt es eine Marmorplatte in Thekenhöhe. Gabriel erzählt, dass einige Brüder hier im Stehen frühstücken. Er macht das auch ganz gern, weil er danach schnell in die Uni gehen oder machen kann, was sonst so auf seinem Tagesprogramm steht.
Also frühstücken wir heute mit ihm im Stehen, was ich auch noch nie gemacht habe. Der Milchkaffee ist großartig, und ich fühle mich gleich noch wacher.
Gabriel verabschiedet sich dann endgültig von uns, weil er sich auf den Weg zur Bibliothek machen muss und nicht vor 12 Uhr zurück sein wird. Ein fünftes Treffen ist unwahrscheinlich.
Jetzt haben wir also wieder Zeit, uns damit zu beschäftigen, wie es weitergehen soll.

Zuerst marschieren wir gemeinsam in den Hof und rufen von dort aus die Deutsche Botschaft an. Christian hatte Recht mit seiner Vermutung – die Papiere würden wir frühestens Mittwoch bekommen, sogar eher erst am Donnerstag. Unser Rückflug ist für Freitagmorgen um 8 Uhr gebucht, Malta macht also nicht wirklich Sinn. Entspannung sieht anders aus.
Heavy ist entsprechend enttäuscht, was ich nachvollziehen kann, aber es ist leider nicht zu ändern.
Er verschwindet kurz auf die Toilette, während ich meine Eltern anrufe, um zu ihnen zu sagen, dass wir nicht nach Malta geflogen sind. Von ihnen erfahre ich, dass die Kupplung meines Autos hinüber ist und der Austausch wohl ziemlich teuer wird.
Heavy hat auf dem Weg zum Klo den Dekan des Klosters getroffen, der uns eingeladen hat, uns noch bis Donnerstag im Kloster wie zuhause zu fühlen. Die Brüder möchten nicht, dass wir für unsere Unterkunft bezahlen. Auch spenden sollen wir dafür nicht…
Einmal mehr sind wir überwältigt von der Gastfreundschaft des Klosters.
Zusammen mit den offenen Ansichten Gabriels ergibt das alles irgendwie ein ganz anderes Bild von Kirche als wir es vorher hatten. Vielleicht ist man umgekehrt genauso beschränkt im Denken, wie man es frommen Menschen oft (anscheinend zu Unrecht) unterstellt!

Zurück in unserem Zimmerchen buchen wir einen Flug nach Düsseldorf für heute 14.30 Uhr. Danach geben wir Christian Bescheid, dass wir ihn – zumindest jetzt – nicht besuchen können.

Und schon geht’s wieder los – Koffer zusammen packen, Rucksäcke fürs Handgepäck vorbereiten.
Und wieder ist es Gabriel, der uns im letzten Moment von seinem Zimmer aus anruft, ob wir noch da sind und er uns zur Metro begleiten kann, obwohl er ursprünglich doch erst später zurück sein wollte.

So ziehen wir gemeinsam Richtung Metrostation und werden sogar noch winkend verabschiedet, als unsere Bahn kommt.

Wir hoffen, dass wir uns irgendwann irgendwo wiedersehen. Das wäre dann das 6. Mal.

Es geht in Richtung Bahnhof Termini. Dort steigen wir nun zum vierten Mal in den Flughafen-Shuttle.
Diesmal ist so viel los in der Stadt, dass der Bus an manchen Stellen fast 10 Minuten braucht, um 50 Meter zurück zu legen. Das Ganze zieht sich so in die Länge, dass wir verdammt spät dran sind, als wir am Flughafen ankommen.
Das wär’s jetzt noch: Den ersatzweise gebuchten Flug nach Hause verpassen. Noch mehr Kohle aus dem Fenster werfen… (Die Kosten für unsere Flüge nach Malta bekommen wir ja nicht zurück.)
Es haut dann aber doch noch alles hin, und wir sitzen im pünktlich in unserem Flieger.

Ich bin von der ganzen Action der letzten zwei Tage so gestresst, dass dieser Flug für mich der absolute Horror ist. Muss nachher mal nachsehen, ob ich blaue Flecken auf Heavys Armen hinterlassen habe.

Meine Eltern sind so lieb, uns vom Bahnhof abzuholen. Danach verbringen wir noch zwei nette Stündchen mit Kaffee und Urlaubsbildern auf ihrer Terrasse.

Inzwischen ist Dienstag, ich bin wieder ausgeschlafen, die erste Maschine Wäsche hängt auf dem Ständer, und Heavy wird gleich an meiner Haustür klingeln. Dann werden wir überlegen, wie wir unsere Maltawoche alternativ verbringen können, ohne dass die Urlaubstage verschenkt wären.

Wir haben uns sehr über euer fleißiges Lesen und die Anteilnahme in Form von netten eMails, SMS oder Skype-Nachrichten gefreut.

DANKE!

Unser Auslandsaufenthalt ist zwar jetzt vorbei, aber wir werden diesen Blog auch im Alltag weiter pflegen und immer mal wieder von irgendwas berichten, das wir erleben.
Wir würden uns freuen, wenn ihr weiterhin ab und zu vorbei schaut! :-)

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