Satellitenschüsseln, Zumba und der Alltagswahnsinn

Mit Heavy in der Wohnung ist immer was los.
Ehrlich, die Wochen und Monate seit unserem Einzug vergehen wie im Flug. (Was für eine schöne Metapher – Fliegen geht bei mir ja bekanntlich nicht ohne Flugangst, und auch im Zusammenleben gibt’s die ein oder andere Grenze, an der ich mir noch gehörig den Kopf stoße…)

Meine erste Shopping- und Erkundungstour durch Neuss endete eher suboptimal, weil mir eine nicht solvente Flachpfeife bei H&M mein Portemonnaie aus dem Rucksack gemopst hat. Selbstverständlich nicht ohne alle Reißverschlüsse aufzuziehen, sodass mir wenigstens zweieinhalb Stunden Grübeln und Durch-Die-Gegend-Nesteln erspart blieben. Ich konnte auf diese Weise nämlich sicher sein, dass ich das gute Stück nicht irgendwo verkramt oder an der Kasse vergessen hatte. Nicht erspart blieben mir allerdings panische Anrufe bei Banken und Versicherungen, um Karten zu sperren und neue zu beantragen, gegen Gebühren, versteht sich.
Glücklicherweise dauerte es nur zwei Tage, bis ein freundlicher Polizeibeamter pünktlich zum Samstagsfrühstück vor unserer Tür stand. Ein Mitarbeiter eines Abfallentsorgers hatte meine Geldbörse in einem öffentlichen Mülleimer gefunden und sie bei der Polizei abgegeben.
Das Bargeld war natürlich weg.Dafür waren noch alle Karten und Dokumente drin. Meine Freude darüber hielt sich trotzdem in Grenzen – inzwischen waren die Dinger durch meine Verlustmeldungen ja inzwischen nicht mehr gültig…

Einige Wochen später war ein Bauunternehmer der Marke „Das-Kriegen-Wir-Schon-Irgendwie-Hin-Ich-Kenn-Da-Einen-Der-Macht-Das-Billiger-Ohne-Rechnung“ so freundlich, meinen heißgeliebten Focus auf einem öffentlichen Parkplatz mit seinem Kleinlaster zu touchieren – und zwar so, dass mir jetzt ganz sicher keiner mehr glaubt, dass dieses Fahrzeug quasi neuwertig ist.
Menno. Ich war so stolz auf meine Karre. Meine erstes mackenfreies Auto, erst fünf Jahre alt, sieht jetzt aus, als wäre ich zu blöd, mein Heck sicher an Begrenzungspfosten vorbei zu lenken und klappert fürchterlich, wenn ich Gullideckel oder Straßenunebenheiten erwische.
Die Versicherung des Unfallgegners hat gegen alle Befürchtungen des Dekra-Gutachters brav gezahlt, sodass ich nun dem Werkstatt-Termin entgegen fiebere, in der Hoffnung, mein Auto bald auch mit kleinerem Aufwand wieder salonfähig in Empfang nehmen zu können

Auch zuhause stand die Zeit nicht still: Heavy hat das Internet leer gesurft. Es gab Einiges zu recherchieren. Das Lehrbuch zum Sportbootführerschein, an dem wir seit Januar eifrig arbeiten, lässt viele Fragen offen.

…das soll einer verstehen…

Tim Kösters Internetseite ist ein guter Tipp für alle, die den Multitasking-Wahnsinn ordentlich vorbereiten wollen. Und tatsächlich hilft auch hier fürs Verständnis öfter mal Wikipedia. Die Seglersprache und ihre eigene Logik wird uns trotz inzwischen bestandener Theorie vermutlich immer ein Rätsel bleiben.
Der Segelschein allein war es allerdings nicht, der Heavys Internetkompetenz in den letzten Monaten so herausforderte… Vielmehr war es das Drama um die sagenumwobene Sat-Schüssel, welches im Januar begann, als bei einem Besuch meiner Eltern beschlossen wurde, dass es wohl das Schlaueste sei, eine eigene Schüssel anzuschaffen und diese auf dem Balkon anzuschließen, um sich vom Vermieter unabhängig zu halten.
Ein fachmännischer Blick dreier Hobbyhandwerker reichte aus, um den optischen Winkel von der linken Balkonseite zum Satelliten Astra auszumessen: Das haut hin, der Blick nach Osten ist frei genug.
Lediglich die Ansprüche an die Technik mussten geklärt werden. Heavy googelte wie ein Weltmeister drei Wochen lang, telefonierte mit einem Satellitentechniker und ließ sich Angebote ausrechnen, verwarf diesen und jenen Plan, bis er das Richtige gefunden hatte. Er bestellte eine Marken-Schüssel mit 80cm Durchmesser, einen Multiswitch für 8 Anschlüsse, eine stabile Metallaufhängung, 100m Kabel und entsprechende Kanäle, jede Menge Kleinkram und einen Profikoffer mit Steckverbindungen und Werkzeug auf Kommission. Mit der bestellten Anlage hätte Heavy vermutlich ganz Neuss mit einem Satellitensignal versorgen können. Er ist bestimmt der einzige Mensch, der es schafft, 400 EUR für eine Sat-Schüssel auszugeben und dabei keinen einzigen Receiver gekauft zu haben. (Davon hatte ich noch drei.)

Mit der Lieferung endete Projekt Google. Vorläufig jedenfalls.
Stattdessen wurde ein großzügiger Wochenendtermin mit meinen Eltern vereinbart, die kurze Zeit später engagiert und schwer beladen mit Hammer, Meißel, Heißklebepistolen und was man sonst noch so braucht hier eintrudelten. Papa opferte sich mit rotem Kopf und permanent leicht schweißbetropft in stundenlanger Hingabe für das Durchbohren von Wänden und anschließendes Verlegen der Doppelleitungen (!) auf.
Wer ihn kennt, weiß, dass das ganz sicher nicht ohne Geschimpfe und tieffliegendes Werkzeug vonstatten ging. Mama und ich ließen das lautstarke Gepoltere geduldig über uns ergehen und klebten artig und stumm Kabelkanäle. Die ständig verstopfte Heißklebepistole stellte dabei eine echte Herausforderung dar, aber damit mochten wir niemanden zusätzlich belästigen, lösten das Problem stattdessen stillschweigend, indem wir alle 2 Minuten mit einem Messer den Kleber aus der vermatschten Öffnung pulten. (Was bei bevorstehenden 50m Kabelkanal miese Kleinstarbeit bedeutet…)
Der arme Heavy streunte indes aufgeregt mal hierhin, mal dorthin, reichte meinem Vater Werkzeuge, half beim Verschrauben der Halterung und versuchte, die verrückte Familie, insbesondere aber deren Oberhaupt, aufmunternd bei Laune zu halten. (Nicht zuletzt, weil abends ein Dortmund-Spiel anstand, auf das er sich freute – Bundesliga auf Sky, ein Traum!)

eigentlich ja ganz schön, das Ding…

Nach etwa vier Stunden schweißtreibender Arbeit, vier Wanddurchbohrungen und Verkabelungen später, war es endlich soweit: Der erste Receiver wurde angeschlossen, ein Suchlauf sollte durchgeführt werden.
Nichts.
Hin- und Herwackeln an der Schüssel. Nichts.

„Wir müssen jetzt auch langsam mal los…“, durchsägte mein Vater in einem einzigen Satz Heavys Hoffnung auf einen entspannten Fußballabend vor der eigenen Glotze
Der Gesichtsausdruck sprach Bände. Ach, könnte ich nur irgendwie helfen…
Nachdem die Eltern verabschiedet waren, versuchten wir unser Bestes. Leider ohne Erfolg.
Heavy telefonierte sämtliche technik-affinen Freunde und Bekannte durch, niemand wusste Rat. Allerdings bot man uns einen Satfinder an, mit dem wir mithilfe eines akustischen Signals die richtige Einstellung der Schüssel finden könnten.
Auch das versuchten wir zwei Tage lang, und uns besuchte noch ein weiterer Freund mit einem fachmännischen Blick, der ebenfalls leider nicht helfen konnte. Handyfotos an einen befreundeten Fachmann aus dem Ruhrpott brachten auch keinen Erfolg.

Heavy ist ja so gestrickt, dass er nicht aufgibt. Ich will jetzt nicht klug scheißen, ehrlich nicht, aber den ein oder anderen Faktor hat’s da schon gegeben, wo mir heute noch im Nachhinein das „Siehste“ im Halse steckt. Meine liebe Müh und Not hatte ich, aber ich hab’s zum Glück geschafft, es mir zu verkneifen.
Schließlich müssen wir zusammen halten.
Dennoch: Den Pragmatismus habe ich irgendwann wieder ans Tageslicht geholt, indem ich mich als überfordertes, unwissendes Weibchen gegeben und einen Fachmann in die Wohnung gelockt habe, der innerhalb von drei Minuten mit seinem (diesmal echten) fachmännischen Blick feststellte, dass von diesem Balkon aus keine Schüssel der Welt nach Hause zum Astra-Satelliten telefonieren kann.

Außerdem erfuhr ich im Treppenhaus von einem Nachbarn, dass unser völlig verwirrter Vermieter bereits eine Satellitenanlage auf dem Dach für das ganze Haus in Auftrag gegeben hatte. (Wir hatten im Vorfeld mit ihm abgesprochen, dass wir uns eine eigene Schüssel anschaffen und er nichts zu veranlassen braucht.)
Diese Nachrichten dem inzwischen ob des Fußballentzugs depressiv verstimmten Heavy zu überbringen, war nicht gerade angenehm. Der Arme konnte über DVBT doch nicht einmal Sport1 sehen. Die Sonntagvormittage ohne den „Volkswagen-Doppelpass“ waren selbst mir fast zu eintönig geworden.
Meinen Eltern mitzuteilen, dass sie sich umsonst stundenlang für uns abgemüht hatten, war auch nicht die schönste Aufgabe.

Guter Rat war jetzt also richtig teuer, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Auf dem Balkon und in der Wohnung verteilten sich – nicht ganz homogen – 400 EUR auf knappe 100m² Wohnfläche, völlig nutzlos.
Mein gerupftes Huhn rief also kleinlaut bei dem freundlichen Satellitenhändler aus dem Google-Netz an und bettelte darum, die Ware gegen Bares zurücksenden zu dürfen. Mit Erfolg.
Anschließend versuchte er allen Ernstes, mich (1,60m) zusammen mit der Schüssel (Durchmesser 80cm) und dem zusätzlichen Zubehörpaket zur Post zu schicken. Ich tue ja wirklich alles, das in meiner Macht steht… aber in Anbetracht unserer Wohnung im dritten Stock, der Tatsache, dass ich die zwei Pakete auch noch getrennt voneinander auf dem Parkplatz aus dem Auto bis zum Postschalter hätte hieven müsste, stieß ich hier nun wirklich an meine körperlichen Grenzen.

Nachdem Heavy also selbst das Zeug erfolgreich verschickt hatte, antwortete der Händler, dass die Teile beschädigt seien und er daher nur einen Teil seines Geldes zurück erstatten könne. Heavy schluckte seinen Frust artig herunter, und ein freundlicher Mailverkehr führte dazu, dass der finanzielle Verlust nicht allzu groß ausfiel.

Die Tage ohne Fußball vergingen zäh, aber stetig.
Etwa eine Woche später installierte der Haustechniker des Vermieters die Satellitenanlage auf dem Dach und erklärte uns das komplizierte Ein-Kabel-System („Routerlösung“, „Unicable“). Und dann… endlich:
Bild!
Wir kreuzten einen riesengroßen grünen Haken in unsere imaginäre to-do-Liste. Mir ist eine tonnenschwere Last von den Schultern gefallen. Lang hätte ich die Stimmungsschwankungen in unserem Haushalt (mittlerweile war ich selbst längst davon betroffen) nicht mehr ausgehalten.

Kurze Zeit später wurde ich zur Teilzeituschi.
Für eine schöne Nebenbeschäftigung verkürzte ich meine Arbeitszeit und verbringe seitdem meine Freitage von zuhause arbeitend vor dem Rechner.
Freitagsnachmittags betreibe ich empirische Sozialforschung, indem ich einen Zumba-Kurs bei der VHS besuche. *hüstel*

Ich hätte nicht gedacht, dass dieser spießige Trendsport zum exotischsten meiner Hobbies werden könnte. Auch hätte ich nicht gedacht, wie sehr sich manche Frauen optisch zum Affen machen, nur um ein bisschen künstlichen Selbstwert zu generieren. Aber: Pinke Gummiarmbänder mit Glöckchen machen nunmal nicht sexy, schon gar nicht, wenn sie penetrant und unrhythmisch bedient werden! Dasselbe gilt im übrigen für giftgrüne Trainingshosen mit Original-Zumba-Aufschrift auf dem Arsch bei 15kg Übergewicht.
Der Mann am Fenster aus dem dritten Stock im Haus gegenüber des Romaneums hat jedenfalls freitags zwischen halb drei und halb vier richtig Spaß. Neulich habe ich ihm noch entgegen gegrinst und gewunken, vermutlich hält er mich nun für genauso bekloppt wie die anderen Weiber.

Quelle: geklaut

Zumba ist toll. Ich finde es unglaublich, wie schwer es fällt, diese ganzen Körperteile unabhängig voneinander zu koordinieren, die man von Geburt an mit sich rumschleppt… Zum Glück habe ich wenigstens Rhythmusgefühl, sodass meine Bewegungen sicher eher schräg als grazil aussehen, ein bisschen spastisch vielleicht, aber eben nicht völlig unrhythmisch.
Und danach fühle ich mich einfach leicht und durchgenudelt, schön platt, reif fürs Wochenende.
Ich mag meinen Freitag.

Heavy hat es letzte Woche endlich geschafft, die Füße für sein Hochbett zu organisieren, sodass dieses nun das erste Stück Inventar ist, welches fest an seinem Platz steht. Etwas befremdlich ist allerdings die Höhe von rund 2m.
Wenn der Gute beschließt, für eine Weile seinem heißgeliebten Stumpfsinn (Fernsehen, Surfen, Zocken, alles gleichzeitig und so) nachzugehen, habe ich keine Chance, seine Aufmerksamkeit auf mich zu lenken. Also – wenn er nicht will. Klar, ich kann sprechen, rufen, schreien. Aber ich komm‘ da nicht hoch, keine Chance. Ich glaube, er freut sich ein bisschen über die Einsamkeit auf seiner Insel.

Aber er hat versprochen, mir eine Leiter zu bauen. ;-)

Heavys Handwerkkünste sind sensationell. Selbst das Befestigen einer Wanduhr wird mit ihm zu einem echten Abenteuer. Seht selbst:

*?!*

Nachdem mein Auto ja einem Parkplatzunfall zum Opfer gefallen war, fing Heavys Auto letzte Woche dann auch noch an zu stinken und rauchen. Inzwischen ist der Passat wieder repariert, allerdings mit Empfehlung des Fachmanns, uns schonmal mit Alternativen auseinander zu setzen.

Was soll ich sagen – hier wird wieder jede freie Minute gegoogelt…
Im September sind wir also bestimmt für eine Entscheidung gerüstet. ;-)

Seit dem Wochenende zickt die Satellitenschüssel wieder rum. Pünktlich zum Champions League Viertelfinale natürlich.
Heute war der freundliche Fachmann hier und hat dafür gesorgt, dass wir wieder Empfang haben. Dafür können wir jetzt nicht mehr aufnehmen und gleichzeitig fernsehen.
So langsam hab ich das Gefühl, dass die Formel eines guten Freundes aufgeht:
Irgendnen Tod muss man sterben…