Du und ich in Mützenich

In „Omas Stübchen“ in Mützenich ist es echt urig.

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Wer auf Fachwerkbalken und rustikale Antikmöbel steht, dem geht hier wahrlich das Herz auf.
Der Specksteinofen ist der Oberkracher, genauso wie sein älterer Bruder, der alte Kachelofen in der Küche (mit stilechtem Wasserkessel, ich höre im Geiste meine Oma berichten, dass man auf diese Weise den besten Milchreis kochen kann, weil Milchreis muss nämlich stundenlang bei nur leichter Hitze, und natürlich bitteschön mit geschlossenem Deckel, vor sich hin garen, aber nicht vergessen, alle 3 Minuten umzurühren, ansonsten gibt es nämlich „Haut“). Nur die Infrarot-Sauna trifft nicht so ganz unseren Nerv. Letztere wird vermutlich unbenutzt bleiben. Es ist so schnuckelig hier, dass ich sogar in Kauf nehme, mich zum Rauchen in den Fensterrahmen setzen zu müssen, denn eine Terrasse oder einen Garten gibt es leider nicht. Dafür jede Menge Umgebung und Panorama. Achja, und Wetter!

Donnerstagabend passiert nicht mehr viel. Ich bin von der Arbeit und Heavy vom Bepacken des Passats im Eimer, sodass wir uns freuen, dass die gute Frau Schmitz beide Öfen schon vorgeheizt und Begrüßungskuchen in die Küche drapiert hat. Heavy steht nicht so auf Schmandkuchen. Aber ich. Leider… meine Laktoseintoleranz findet Schmandkuchen nicht so günstig. Zusammen mit der türkischen Pizza vom Abendbrot mit leckerem Schafskäseimitat und Zazikiquark habe ich mein Tagessoll viel zu weit überschritten. Aber die von Heavy vorsorglich eingepackte Wärmflasche leistet gute Dienste.

Freitag fahren wir nach Monschau. Zuerst zur historischen Senfmühle, dort stellen wir unsere Schleimhäute ein wenig auf die Probe. Die alte Maschine in Betrieb zu sehen, ist interessant und rührt im wahrsten Wortsinne zu Tränen.
Im Anschluss schawenzeln wir noch ein bisschen durch die Altstadt. Ich bin empört über die ganzen Touri-Geschäfte, was für eine Geldmacherei.

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Und: Ich finde, in Monschau sind es fast ZU viele Fachwerkhäuser. Jedenfalls tue ich mich schwer, mich vor lauter schwarz-weiß-grün noch an kleinen Details zu erfreuen. Mir gefällt es definitiv auf dem Land im Hohen Venn besser. Deshalb fahren wir zurück und essen im Mützenicher „Nassenhof“ – um 16 Uhr etwas früh – zu Abend.
Außer uns sitzen nur vier Typen an der Theke, die vermutlich ihr all-freitägliches Feierabendbier zu sich nehmen und dabei laut über Fußball und andere Männerthemen schwadronieren. Die 19jährige Kellnerin tut mir fast ein bisschen leid. Aber sie schmeißt den Laden souverän und hat die Kerle offensichtlich gut im Griff. Das Essen ist mit ein bisschen good will maximal mittelgut. Heavy rümpft die Nase ob seiner Dosenmilch-Champignon-Pampe, die ihm frecherweise vorher als „Rahmsauce“ in der Speisekarte Appetit gemacht hatte. Ich kaue ebenfalls etwas pikiert auf meinen in Öl ertränkten Bratkartoffeln herum. Es ist wirklich schlimm, wenn man vom Elternhaus gute Küche gewöhnt ist!
Ein kleines Abenteuer ist auch der anschließende Einkauf im hiesigen Nahkauf… Ich habe noch nie für ein Pfund Kaffee (der jute Jakobs), das derzeit bei Penny für 2,99 EUR im Angebot ist, sage und schreibe 7,99 EUR (in Worten: sieben Euro neunundneunzig) bezahlt. Und ich bin auch noch nie von einer Verkäuferin darauf hingewiesen worden, dass man offene Bananen in der Auslage nicht zu eigenen Bedarfsportionen abtrennen darf. Ich hab mir doch kackendreist drei von sechs Bananen genommen. „Da muss isch dat ja erstens wiejen…“, sagt sie zu mir, springt auf und moppert in ihrem komischen Eifelslang weiter vor sich hin. Danach tippt sie die einzelnen Sachen mit ihren schmutzigen Wurstfingern in die Kasse. Sie hat weit abgekaute Nägel. Ich ekle mich ein bisschen und zahle dann trotzdem brav 13 EUR für ein Pfund Kaffee, drei Bananen und eine Tüte Chips. Sportlich!
Als wir eine halbe Stunde später wieder kommen, weil wir das Spülmittel vergessen haben, freut sie sich wie ein Honigkuchenpferd uns wiederzusehen. „Ja, wat machen Sie auch ohne Spülmittel?“ fragt sie sensationslüstern. Das könnte die Unterhaltung des Jahrtausends werden… Heavy, der alte Smalltalker, holt aus und antwortet, dass wir zwischenzeitlich mit ATA gespült hätten. Die unförmige Frau bricht in schallendes Gelächter aus, als hätte sie den besten Witz ihres Lebens gehört… Dabei schwabbelt ihr ganzer Körper. Ich kann nicht anders, ich muss in eine andere Richtung gucken. Heavy kichert ebenfalls über seinen großartigen Witz. Ich gehe einfach schonmal zum Auto, das ist das Beste…

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Heute sind wir in Wanderlaune. Nach einem ausgedehnten Frühstück geht’s los. Eine Anwohnerin stellt uns Biber-Staudämme in Aussicht, als wir nach dem Weg zu den Holzpfaden im Moor fragen. Unser Rundweg geht über 5 km – wir sehen Moor, Heide, Wald, Stöcker und Steiner.

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Heavy findet sogar eine Eidechse. Aber von Bibern keine Spur. Ein bisschen schade, trotzdem genießen wir die Ruhe in der Natur.

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Bevor wir uns auf die Jagd nach Nahrung machen, fahren wir mit dem Auto über die belgische Grenze durch noch mehr Wald. Heavy erklärt mir, dass wir gleich nach Eupen kommen. Die deutschsprachige Metropole von Belgien, „in den anderen Städten sprechen sie ja Belgisch“. Ich sehe kurz zur Seite, weil ich den obligatorischen Lacher vermisse, wenn Heavy sich über seine eigenen Witze freut. Fehlanzeige… Er meint es wirklich ernst. „Äh, sie sprechen Französisch oder Niederländisch!“ – „Ach, ja, stimmt ja…“ Is‘ klar. Herrlich! Und spülen tun sie alle mit ATA. ;-)
Bei Eupen entdecken wir ein Schild in Richtung Wesertalsperre und beschließen, einen kurzen Abstecher dorthin zu machen. Schön!

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Danach knurren die Mägen. Heute entscheiden wir uns fürs „Bellevue“, ebenfalls in Mützenich. Denn dort hängt ein „Sky“-Schild an der Hauswand. Mit Sky-Schildern und Männern ist das wie mit Frauen und Schuhen. Ganz einfache Reiz-Reaktions-Kette. Es macht überhaupt keinen Sinn, sich dagegen zu wehren. Und so hatte Heavy bereits den Blinker gesetzt, als er mich fragte, ob ich dort essen mag.
Die Gaststätte ist gutbürgerlich, dabei wenig geschmackvoll eingerichtet. Aus dem hinteren Raum hören wir typisch Klugscheißer-Geplärre: „Mann, dooo… drin hätte der sein müssen!!“
Zielsicher schreite ich voran und zeige meinem Liebsten, wo wir speisen werden. Heavy strahlt.
Für hoffentlich gutes Essen nehme ich gern den Lärmpegel in Kauf. Unter den insgesamt neun Fußballguckern waren übrigens auch die vier Thekenjungs von gestern im Nassenhof. Das muss ein ereignisarmes Leben sein. Freitags im Nassenhof, samstags Sky im Bellevue. Vermutlich sind das die Highlights der Woche.

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Wie Heavy so ist, findet er gleich bei einer Zwischendurch-Zigarette vor der Tür einen neuen Freund: Er lässt von einem Mützenicher Urgestein mit Siegelring und Pläät zulabern. Natürlich war jener einer der zwei besten Fußballer im Umfeld (Verbandsliga, „…und der Karlheinz war der beste Sechser inner janzen Eifel…“). Der Typ hat mal in Manchester gewohnt, und ja, der englische Fußball, das ist ja eine ganz andere Liga, also damals in den Neunzigern, ist klar, ne? Und Bayernfan ist er, seit 1966, aber Gladbach, da schlägt sein Herz ja auch für. Er fragt noch, woher wir kommen, und Heavy muss tatsächlich erklären, wo Neuss liegt. Ich mein‘, wir sind gerade mal anderthalb Stunden (davon 40 Minuten Landstraße) von zuhause weg (und Neuss noch nichtmal eine halbe Stunde von Gladbach entfernt, wo er ja sooo oft schon war)… Heavy packt ein paar alte Fortuna-Schoten aus, und schon ist die Männerwelt in Ordnung. Nach der Zigarette ist das Essen fertig. Lecker. Heute gibt es wirklich nichts zu beanstanden. Als wir an der Theke zahlen, fragt uns Heavys neuer Freund, ob wir ihn mitnehmen können. Er will noch zum Nassenhof. Da kommen heute Abend seine Freunde hin, die im Gladbacher Stadion waren. Und seine Frau hoffentlich auch. Ob im Nassenhof heute getanzt wird, fragt Heavy. „Dat weeß isch nitt. Wenn mer danze wolle, dann danze mer halt. Kommt ihr auch vorbei?“ Ich tanz allenfalls auf meiner Couch. Beziehungsweise auf der von Frau Schmitz. „Is dat die mit die Teddybären?? Helene??“ War ja klar. Er kennt unsere Vermieterin. Dann erzählt er uns noch, dass er auf dem Dachboden einen Steiff-Teddy von 1956 „in Lebensgröße“ stehen hat, und dass er diesen „Helene“ schon „tausendmal“ angeboten hat, und dass Helene sich wiederum schämt, das Angebot anzunehmen. Heavy hat in der Zwischenzeit angehalten, wir haben den Nassenhof erreicht. „Machet jut, Jung“, sagt die Glatze, klopft dem Heavy auf die Schulter, und dann ist er auch schon ausgestiegen mit seinem Bayern-Schal.

Wieder „zuhause“, gibt es jetzt ein letztes Mal Specksteinofenfeuer. Morgen geht’s wieder zurück ins normale Leben.

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